Er duckte sofort nieder. »Jut’ Nacht, Mutter!«
Und als sie noch einen Augenblick stand, hörte sie schon seine ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge.
Ihr Großer weinte noch immer dumpf in sein Kissen, aber sie ging nicht mehr hin zu ihm.
Das ›Herrraus!‹ der Wache dröhnte ihr noch immer in den Ohren.
XXII
Der Halbfastenmarkt auf dem Karlsplatz war im Gang. Eigentlich hätte es schon Frühling werden müssen, aber die Zelttücher der Buden wehten noch wild im Sturm. Der Madame Lefèbre, die wie alljährlich ihren Stand aufgeschlagen, war die Bedachung über’m Kopf weggeflogen, und der kalte Regen goß auf ihre berühmten Lebkuchen. Am Hammerdeich, auf dessen Rasenhang sich sonst längst die ersten Veilchen sonnten, stand das Rheinwasser hoch, und im Hofgarten duckten sich Bäume und Büsche noch scheu vor’m rasenden Märzwind.
In der Kaserne feierten die neununddreißiger Füsiliere mit Kling und Klang den siebzigsten Geburtstag König Wilhelms. Rinkes Fina, wie die Bewohner der Kasernenstraße die Witwe Conradi noch immer nannten, hatte unzählige weiße Wildlederhandschuhe dafür zu waschen gehabt. Bruder Friedrich hatte sie auf diesen Nebenerwerb gebracht. Jede Parade, jede Besichtigung gaben ihr nun zu thun; selbst die Herren Offiziere wandten ihr ihre Kundschaft zu.
Der Zahlmeister, eine wichtige, stattliche Persönlichkeit und Witwer, hatte die hübsche Frau unter seine ganz besondere Protektion genommen. Er brachte seine Handschuhe immer selber, und dann zögerte er länger im Lädchen, als nötig gewesen wäre. Er war sehr entgegenkommend. Josefine ging schon mit dem Gedanken um, ob sie ihn einmal bitten sollte, ihr den Eintritt in die Kaserne zu ermöglichen. Bis jetzt hatte sie nur immer durch’s Thor einen Blick erhascht auf die Ahornbäume. Die waren noch da, nur größer geworden. Aber daß die Feldwebelwohnung in Hof I nicht mehr als solche diente, das hatten ihr der Gefreite Hucklenbruch von der vierten Kompagnie und der Unteroffizier Schmidt erzählt.
Sie begriff gar nicht, was die immer über die alte Kaserne zu schimpfen hatten! Die Stuben wären zu klein und zu niedrig, die Thüren Nasenquetschen, in den Blocks seien keine Gänge, die Räume zu ebener Erde feucht! Ach, und ihr war doch alles so groß und weit und schön in der Erinnerung! Daß Düsseldorf freilich eine ganz nette Garnison wäre, das mußten Schmidt und Hucklenbruch zugeben.
Ja, es war besser geworden zwischen Militär und Bürgerschaft. Königs Geburtstag feierte die Stadt freundschaftlichst mit. Der Kartätschenprinz war ja nun König, ein alter schon und ein siegreicher dazu! Alle Ohren hatten sich gespitzt beim Klang der großen Reveille, der Paradeplatz war von Tausenden umdrängt, die Schulen hatten frei; man sah Offiziere in höchster Gala mit Helmbüschen und befrackte Herren in Cylinder und weißer Binde zum gemeinschaftlichen Festessen in der Tonhalle gehen.