Der kleine Hucklenbruch, der wacker von Hause geschickt bekam – sein Vater hatte einen schönen Hof unweit Bielefeld – machte sich an den Invaliden. Dieser war nie abgeneigt, sich nebenan in der Wirtschaft traktieren zu lassen; wenn er erst zwei, drei Gläser getrunken hatte, wurde er sehr gesprächig. Einige Schwierigkeiten machte es freilich immer, ihn von der Erzählung seiner Kriegsgeschichten abzubringen, aber Hucklenbruch hatte nun schon einige Geschicklichkeit, beim vierten Glas die Unterhaltung auf die Witwe hinüberzuspielen. Dann schimpfte der Invalide: ›Die Fina passe ihm gar zu sehr auf! Den Schlüssel kriege er nie; nie, daß er mal abends heimlich in’s Haus konnte! Auch daß sie den Zahlmeister nicht nehmen wolle – dummes Weibsbild! Was war über den zu lachen? Geld hatte der Mann – und dann die Stellung! Zahlmeister – Offiziersrang! Vielleicht ging’s einem auf die alten Tage dann noch mal ebenso gut, wie der Mutter, der reichen Frau Schnakenberg von der Königsallee!‹
Seit Ferdinand gelernt hatte, mit dem Bein des Stiefvaters zu gehen, sang er dessen Lob. Ein spendabler Mann! Ein- für allemal, Sonn- und Feiertags, konnte er sich da mit zu Tisch setzen und lecker essen. Und nach dem Essen verteilten sie drei sich auf drei bequeme Kanapees, und abends steckte ihm der Schnakenberg alle Taschen voll Cigarren.
Jedoch beim fünften Glase wurde der Invalide weich; dann beklagte er seine Schwester: ›So ein hübsches, kreuzbraves Weib! War’s nicht ein Jammer, daß die schon Witwe war und sich so plagen mußte?! Abends als letzte zu Bett, morgens als erste auf.‹
»Bekucken Se sich mal dem Fina seine Fingeren, junger Mann, wie die verarbeit’t sind,« sagte er dann wohl und sah so gerührt aus, daß auch der blonde Westfale weichmütig wurde. »Un alles für den Jung’, den Faulenzer, den Peter, der nix thun möcht’, als dem lieben Gott den Tag abstehlen un der Mutter auf der Tasch’ liegen!«
Insofern hatte das Humpelbein nicht ganz unrecht: Josefine hatte Sorgen um ihren Peter gehabt. Mit Händen und Füßen hatte der sich gesträubt, den Platz als Lehrling einzunehmen, den ihm Onkel Friedrich mit vieler Mühe in der Fabrik auf der Grafenberger Chaussee, wo man die schönen schmiedeeisernen Gitter machte, besorgt hatte. Der Junge war krank geworden. O, die Fabrik, die Fabrik! Er schlich umher und war blaß wie Wachs, richtig wie ein bleichsüchtiges Mädchen, sagte der Doktor, den die besorgte Mutter rief.
So waren sie nun übereingekommen – ganz den Willen konnten und wollten sie dem Jungen nicht thun – ihn zu einem Anstreicher in die Lehre zu geben. Die Werkstatt des Malermeisters Cremer war einem Atelier doch zum Verwechseln ähnlich. Das Anstreichen war der Peter denn auch leidlich zufrieden. Vorderhand durfte er freilich nur erst ›Pliesterer‹ sein und Hauswände und Hofmauern weißen, aber bald sollte er zur Ölfarbe avancieren.–
Der Sommer stand auf der Höhe, die riesige Fronleichnamsprozession war längst vorbei, auch die Jubelfeier des Martyriums der Apostelfürsten Petrus und Paulus; die Neununddreißiger hatten ihr Erinnerungsfest an die Schlacht bei Hammelburg begangen – da drückte sich schon der junge Peter einen Kalabreser auf den Lockenkopf, wie ein echter Kunstbeflissener.
Von dem Thaler, den ihm Onkel Friedrich einst gutgelaunt in die Hand gesteckt, hatte er sich sofort in der permanenten Ausstellung bei Schulte abonniert; sehen wenigstens wollte er Bilder. Aber er malte auch endlich selber eins – seine Mutter.
Mit einer seltsamen Bewegung saß Josefine dem Sohn an den Sonntagsstunden, an denen das Lädchen geschlossen war. Heimlich that sie’s, wie eine Sünde; sie schämte sich vor den Nachbarn, vor den Brüdern, vor der Mutter. Die würden sagen, sie sei närrisch mit dem Jungen.
Draußen brütete die Hochsommersonne auf dem Pflaster, oben in der versteckten Bodenkammer war der Nachmittag auch nicht kühl. Eine hohe Röte lag auf Josefines Wangen und verlieh ihren Augen gesteigerten Glanz. Sie saß auf einer alten Kiste und lächelte voll geheimen Entzückens den Sohn an, der ernsthaft und eifrig den Pinsel über die Leinwand führte. Eine stolze Freude überkam sie: das sollte sie sein, sie? Wahrhaftigens Gott, der Jung’ konnte malen!