Frau Trina hatte mehrere seidene Kleider eingekauft: schwarze Seide aus Lyon, rohe Seide aus China, von leibhaftigen Würmern gesponnen. Auch Stickereien aus der Schweiz und Valencienner Spitzen, schöne Sofakissen und eingelegte Perlmuttertischchen und Vasen mit unverwelklichen Blumen. Ihr Hendrich hatte ihr zum Andenken an die Reise ein Armband aus Marokko um’s Handgelenk gelegt und eine Brosche mit römischer Kamee an den Busen gesteckt.
Das Reizendste aber war die Nuß mit einem winzigen Schachspiel darin, die sie dem Ferdinand mitgebracht hatten, und der kleine Regenschirm aus Elfenbein für Josefine. Wenn man durch ein Löchelchen oben an dessen Griff guckte, sah man die ganze Pariser Weltausstellung und die Porträts von Napoleon und Eugenie und Lulu. Jeder der Angehörigen, auch Peter und der Kleine, bekamen ein Stück Veilchenseife aus Parma und ein Flacon Rosenöl aus den Gärten von Schiras.
Ja, in Paris konnte man noch kaufen, da gab es was andres, als hier in den lumpigen Läden! Herr Schnakenberg bedauerte nur, daß er nicht auch von den Früchten aus der Bourgogne und dem prachtvoll schönen Gemüse aus Algier hatte mitschleppen können; das ging doch noch über den Hammer Kappes.
Man mußte gestehen, der Napoleon war ein kluger Kopf. Hatte er sich nicht durch seine prächtige Weltausstellung sämtliche Potentaten in’s Land gelockt, daß sie ihm sozusagen den Hof machten? Herr Schnakenberg hatte sich nicht entschließen können, zu Hause zu bleiben, wenn der Zar von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz und die Kronprinzessin nach Paris reisten. Besonders von der französischen Kaiserin war er sehr hingerissen. Die Königin Augusta sollte ja auch mal eine recht ansehnliche Dame gewesen sein, aber so schön wie die Eugenie war sie gewiß nie! Die trug eine Krinoline und einen Chignon. Herr Schnakenberg geriet noch in Ekstase, wenn er schilderte, wie er sie in der Avenue des Champs Elysées hatte fahren sehen, in malvenfarbener Seidenrobe, den Sonnenschein auf ihren rotgoldenen Haaren, und den Prinzen Lulu an ihrer Seite, in kurzen Hosen, roten Strümpfen, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Sammetjacke.
Paris, Paris – das war die Hauptstadt der Welt!
Viele Düsseldorfer Bürger hatten es wie Schnakenberg gemacht; es gehörte eigentlich zum guten Ton, diesen Sommer in Paris gewesen zu sein. S. Sternefeld & Co. konnten nun sehen, wo sie ihre Waren losschlugen, man hatte sich die Novitäten selber von Paris mitgebracht. Und nur was von dort kam, hatte jetzt Wert.
»Kümmel,« sagte zwar Peter und rümpfte die Nase, als er die Schätze der Großmutter besehen. Aber die hatte nur keinen Geschmack. Die Pariser waren schon voran, besonders in der Kunst! Waren nicht schon viele junge Künstler dorthin gewallfahrtet und als große Meister heimgekehrt? Warum fiel’s denn keinem Menschen ein, nach der preußischen Hauptstadt zu gehen, da gab’s doch auch eine Akademie? Bah, die Berliner hatten ja gar keine Kunst!
Er fabelte immer von Paris. Wenn seine Lehre bei Meister Cremer um war, wollte er auch nach Paris wandern, in die Stadt der Freude, der Schönheit, der Kunst. Wenn man dort nur auf’s Pflaster trat, flog es einem schon an. Da wurde auch noch ein Maler aus ihm, so ein richtiger, kein lumpiger Anstreicher!
Und doch fühlte er sich jetzt leidlich zufrieden; Farben, Farben – er roch sie wenigstens. Der Meister war erstaunt über die Fortschritte des Lehrlings; dem konnte man schon getrost ein Stück Arbeit überlassen, wie einem Gesellen. Freilich mit der Schablone klexte er noch oft über, aber so was aus freier Hand, so eine Verzierung: ›da hat er Idee von,‹ sagte Meister Cremer, ›un auch Talent for!‹
Josefine pries sich jetzt glücklich, wenn sie von der abscheulichen Roheit und den Messerstechereien hörte, die in erschreckender Weise in den Industriedistrikten zunahmen, daß ihr Peter nicht in einer Fabrik steckte. Denn von immer neuen Greuelthaten las man im Blättchen und sonst nur Klagen über die Bedrängnis des Heiligen Vaters und Adressen der katholischen Bürgerschaft mit der dringenden Bitte an den König, den Heiligen Vater zu schützen. Josefine zerbrach sich den Kopf: warum bedrängten sie denn den armen Papst, der that doch keinem was zuleide?! Nun, bald kam ja der König in’s Rheinland, und da würden die Rheinländer schon den Weg zu seinem Ohre finden! Recht leutselig sollte der ja sein und anders wie sein Bruder, Friedrich Wilhelm IV.! Es gab noch viele Bürger, die sich an dessen Besuch in der tollen Zeit erinnerten. – –