Er unterbrach sich. »Lauf’ ens bei de Mutter, Fina, du weißt doch, heut is dem selige Willem sein Jeburtstag, da is se janz aus ’m Häuschen. Och, jemmich! Ich sag’ et ja immer, laß en Mess’ für ihn lesen oder auch zwei, de is längst tot un bejraben. Aber dat darf mer beileib nit sagen, dann wird se falsch. Se weint der janze Tag; et is wahrhaftijens Jott unjemütlich! Ich jeh’ nach der Uehl, da wolle mer ens de König lebe lassen. Aber dat muß mer sagen, alles wat wahr is, de Napoleon hat en noblere Kutsch’. De hat mehr savoir-vivre – aber kann ei’m dat wunderen von so ene Preuß’?! Na, adjüs, Fina, viel Pläsier!« Er blinzelte ihr zu und schlug dann den Weg ein, der zum Wirtshaus, die Uehl, in der Ratingerstraße führte.
Die Volksmenge war dem königlichen Wagen, der zum Präsidialgebäude fuhr, nachgeströmt; einsam lag die Königsallee, stiller noch wie sonst am Abend, wenn unzählige Liebespärchen leise im Dunkel der schattenden Kastanien wandelten.
Da war schon Schnakenbergs Haus. Josefine war erstaunt: von den Mansarden bis herab zum Parterre prangte es in einer glänzenden Illumination. Der Stiefvater war doch ein besserer Patriot, als er zu sein schien!
Die Magd öffnete ihr, auf Strümpfen gehend.
»St,« flüsterte Drückchen, »jeht e bißke leis, Frau Conradi, de Frau Schnakenberg is im Hinterzimmerken.« Damit deutete das brave Drückchen alles an, was diesen Tag bewegte.
Frau Trina hatte überall neue Möbel: Kirschbaum im Salon, Eiche im Eß-, und Nußbaum im Schlafzimmer; nur ein ganz kleines Hinterstübchen war noch da, in das sie alle Möbel ihres einstigen Haushaltes zusammengepfercht hatte. Da standen sie in ihrer tannenen Armseligkeit, als ob sie sich genierten; keine Sonne beschien sie, fast nie wurden die geschlossenen Läden des Fensters geöffnet, das auf die dunkelste Ecke des Hofes hinaussah. In dieses Hinterzimmerchen zog sich Frau Trina zurück am Geburtstag ihres Wilhelm.
Josefine trat leise ein. Die Kattungardinen waren dicht vorgezogen, die Luft war dumpf-kühl und eingeschlossen, wie in einem Mausoleum. Keine Lampe brannte; auf dem Tisch vor Frau Schnakenberg flackerte einzig eine dicke Kerze, in einen Behälter mit Sand gestellt: das war das Lebenslicht, geweihtes Wachs, aber es brannte trüb.
Frau Trina trug ein schwarzwollenes Kleid; das marokkanische Armband, die römische Kamee und jede goldene Kette fehlte. Sie konnte den Sohn ja nicht feiern an Allerseelen, wie ihre andern Geschiedenen, nicht an sein Grab wallen und es schmücken mit Kränzen – er war ja nicht tot. ›Er kömmt wieder, er kömmt sicher und jewiß wieder –‹ sie sagte das nicht oft, aber sie dachte es immer. Und manchmal ging sie heimlich hinauf in das Gastzimmerchen, legte die Betten in der Sonne aus und klopfte den Staub aus dem Sofa. Und heut an dem einzigen Tag, der ›dem armen Jüngesken‹ ganz gehörte, ließ sie ihre Thränen fließen, als hätte sie die das ganze Jahr aufgespeichert.
»Mutter, hör doch auf mit weinen,« bat Josefine und setzte sich neben Frau Schnakenberg. Sie rückte ihren Stuhl ganz dicht heran und legte den Arm um die Schultern der alten Frau. Heute fühlte sie sich der Mutter so um vieles näher als sonst im ganzen Jahr – sie wußte ja, wie man einen Sohn lieben kann.
So saßen sie ganz still nebeneinander in dem engen, vollgepfropften Stübchen, an demselben tannenen Tisch mit den, von unruhigen Kinderfüßen abgeschabten Beinen, um den sich einst die ganze Schar in der Feldwebelwohnung gereiht.