Ach, wo waren sie alle hin?! Josefine stützte den Kopf in die Hand. Der Wilhelm war verschollen. Der Friedrich, ja der Friedrich – ein froher Schein glitt über ihr Gesicht – der würde jetzt des Vaters Stolz sein, wenn er auch kein Soldat war. Dann der Ferdinand – ach du lieber Gott! Den ganzen Winter hatte der verschlafen in der Ecke beim Ofen; nur vormittags zum Frühschoppen und abends wieder hatte er sein Bein angeschnallt, um in’s Wirtshaus zu gehen. Sonst war ihm selbst das anzuthun lästig; einen ganz gemeinen Stelzfuß hatte er sich machen lassen, der wär ihm bequemer. Nicht einmal, daß er den Laden versah; wie angeleimt blieb er in dem alten Ohrenlehnstuhl sitzen, den ihm der Stiefvater neu mit Wachstuch hatte beziehen lassen, und räsonnierte auf sein miserables Schicksal.

Und dann der Jüngste, das Karlchen! Vor Jahr und Tag hatte er einmal geschrieben, er sei jetzt Oberbootsmannsmaat auf S. M. Aviso ›Grille‹. Im Seegefecht bei Rügen unter Kapitän Jachmann hatte er auch schon mitgethan. Sie hatten damals gar nichts davon gewußt, ganz zufällig erfuhren sie’s und hatten sich wohl gefreut, daß er heil aus dem Kampf mit der dänischen Flotte davongekommen; aber so einen rechten Begriff konnten sie sich von ihm und seinem Leben nicht mehr machen. Wie um Jesuswillen war das Karlchen nur dazu gekommen, zur See zu gehen? ›Die Flotte, die Flotte,‹ das mußte man ja wohl den Jungen zur Zeit in den Kopf gesetzt haben. Von der Militärerziehungsanstalt zu Annaburg war er auf die Matrosenschule gegangen.

Josefine seufzte. Daß man bei der Marine, wie es hieß, zehnmal schneller voran käme wie beim Landheer, das wollte sie ja gern glauben, aber es war doch traurig, daß man auch von dem Karlchen so gut wie gar nichts mehr zu sehen und zu hören kriegte!

Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?«

»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten Händen, in das trüb brennende Lebenslicht.

Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren mit Erinnerungen, die nur heute Erinnerungen waren, sonst vergessen standen und verstaubten. –

Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. –

In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹ Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte sie, ganz in Angstschweiß gebadet.

Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach, drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren.

Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten: