Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.
War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m Malkasten!
Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹
Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten, da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach zur Tagesordnung über.
Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.
Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen. Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.
Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870 begann. –
Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche. Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen: ›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten, – zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte, ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.
Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.
Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar, unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s: sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen. Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s, als würde sie ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken mußte!