»Jesus, ja, och mein Jung’!«

Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der Zapfenstreich!

Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten verschwand er jenseits im Kasernenthor.

Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe. Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.

Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –

Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle, sie alle stellten sich als Freiwillige.

Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! – es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich der Thränen, die sie geweint.

Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher ›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an, dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.

Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu zupfen.

›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion! Alle geben für alle!‹