Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift! Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.
Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West – Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers. Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten zu wollen.
Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in erlösenden Fluten.
›Betet, betet!‹
Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.
»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«
Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz: »Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch, Amen!« –
Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten; kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.
Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung, was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest, da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in Flammen, die niemand künstlich geschürt.
›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von – recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das ganze Vaterland, das ganze Deutschland: