Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden gesenkt.

Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht längst gemerkt!

»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«

»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.

Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.

Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er und drückte seinen Kopf fester an:

»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel, Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’ ich dann verbrochen?«

»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«

»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«

»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf. Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau – wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«