Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.

»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme – »totschießen, mir is’t ejal!«

»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«

Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte ihn ja doch lieb!

»Mutter, Mutter!«

»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir, sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester, mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter – »sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«

War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte, wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.

Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem Sohn mit auf den Weg:

›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹

Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete sich ja nicht seiner selbst wegen.