Und er beugte das Knie und ließ sich die Rose an den Helm stecken. – – –
Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab ihnen das Geleit.
Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr; Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt: »Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!«
Und alle Nachbarn winkten:
»Adjüs, Peter, adjüs!« –
An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur, Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins, und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf. Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern winkten den scheidenden Helden Lebewohl.
Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen, blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen, für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch. Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf, den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen mögen.
Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach Hause laufen.
Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht, wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt, sie mußte nachsehen und aufräumen.
Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort! Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit.