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War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt, passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra, Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben.

Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten.

Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen – zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen. Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren! – und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine lieben Söhne.

So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf.

Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können?

Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus, die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig.

Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz wurden Baracken gebaut.

Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften! Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben, freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja, er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr.

Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin, dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild, versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein, sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute?