Nur was thun, was thun!
Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen. Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig jehn, ich pass’ schon auf!«
So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der, längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen!
Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu.
Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht:
»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?«
»Jawohl, Herr Oberstleutnant.«
»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen Schnurrbart. –
Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte man der Verwundeten.
Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?! Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage.