»Sieg!«
Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem Schwert: Sieg, Sieg!
Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief:
›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹
›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin. Wenn er’s nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein, keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen: ›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹
War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren – ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht.
»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft, der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’ nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig.
Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz, eine Zeile, ein einziges Wort!
Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen, Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der Landungsbrücke und am Zollthor.
Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone!