»Dann hauste nich wieder – untersteh dich!«
Das Kind machte große Augen – heute verstand es seinen Vater nicht.
*
Die Clermonts waren nicht reich, der Hauptmann hatte nicht mehr als seine Gage und jährlich ein paar hundert Thaler Zuschuß aus dem Erbe seiner Frau. Sie mußten sich sehr einschränken, aber die Welt merkte nichts davon. Die Frau Hauptmann trug, wenn sie ausging, ein seidenes Kleid und Armbänder, aus den Haaren ihrer Eltern und Kinder geflochten, mit goldenen Schlößchen daran; und die hübsche Cäcilie sah aus wie ein englischer Kupfer, mit ihren langen, gedrehten Locken, in den zarten, bandgegürteten Kleidchen.
Für Viktor hatte der Hauptmann eine Freistelle im Kadettenkorps, und wenn der Leutnant in spe zweimal im Jahr von Bensberg nach Hause kam, so saß er als blinder Passagier neben dem Kutscher des Stellwagens oder wurde wohl auch noch innen zwischengeklemmt.
Viktor war sehr stolz auf sein ›von‹. Im Korps waren sie alle adelig, sogar zwei Grafen waren da. »Ich bin zwar nur Freiherr,« sagte er zur kleinen Josefine, »aber unsre Familie ist viel älter, wie denen ihre. Papa hat mir erzählt, daß schon Clermonts in den Kreuzzügen mitgewesen sind unter Gottfried von Bouillon. Meine Mama ist auch von ganz altem Adel, ihre Familie hat in der Reformationszeit sich hervorgethan. Aber das verstehst du ja nicht, dazu bist du noch zu dumm!«
Nein, sie verstand ihn auch nicht; sie fühlte nur eine ganz instinktive Bewunderung für ihn, wenn er die Uniform trug. Sprang er dagegen im Garten hinter dem Hause herum und trug dabei ein paar verschabte Hosen, aus des Vaters abgelegten Beinkleidern geschneidert, und ein verwaschenes Drillichjäckchen, dann fühlte sie sich mit ihm ganz auf gleich und gleich. Er spielte noch sehr gern. Freilich, vom Exerzieren wollte er nicht viel wissen, das mußten sie im Korps so viel, selbst in den Freistunden, thun; er mochte lieber mit ihr über die Gartenmauer klettern, hinunter zum Speeschen Graben, und da mit einem Stock fischen und Frösche fangen und Regenwürmer suchen und Papierschiffchen schwimmen lassen. Sie machten sich naß und schmutzig dabei und waren sehr glücklich.
Sie rissen auch wohl aus nach dem Kacheloch, einem noch wüsten Plan am Ausgang der Bilkerstraße, wo stark duftender Hollunder wuchs und im Schutt Stechapfel und Nachtschatten, und wo das Bauen der ersten Häuser der schönen Freiheit noch keinen Abbruch that.
Blau wölbte sich der Sommerhimmel, und die goldne Sonne strahlte. Große Schmetterlinge gaukelten, blaue Brummen surrten, lärmend spielte eine ganze Kinderschar. Ein frecher, dicker Bürgersjunge von der Hohestraße war der Schinderhannes, Josefine die geraubte Prinzessin, Viktor der Offizier des Königs, der ritterlich den Räuber verfolgte. Was noch an übrigen Kindern da war, mußte die Meute sein. Da wurde gehetzt und gekläfft und geschrieen bis hin in die wogenden Kornfelder der Bilkerallee; da wurde geknufft und geprügelt, in zitternder Angst sich verkrochen und mit lautem Hallo losgestürmt. Viktor war tapfer, aber der Schinderhannes auch nicht feige, sie schlugen sich manche Beule.
Die Großeltern klagten, sahen sie doch so gut wie gar nichts von der Enkelin mehr; auch zu Hause war Josefine nicht viel. »Mutter, is et nu Zeit? Laß mich doch als jehen! Och, laß mich doch!«