Frau Trina schalt: sonst hatte ihr die Fina schon oft die kleineren Geschwister ›verwahrt‹. Aber der Feldwebel leistete seiner Tochter Vorschub: »Na, lauf man!«
Und sie lief davon, so rasch sie konnte, immer nach der Bilkerstraße, und blieb vom Morgen früh bis zum Mittag, und vom Nachmittag früh bis zum Abend. Sie teilte die mager gestrichenen Brote von Clermonts Kindern; kein fettes Schmierchen, kein Stück Blatz mit Korinthen bei der Großmutter hatte ihr je so gut geschmeckt.
Viktor verschmähte es durchaus nicht, kleine Streifzüge über die Gartenmauern anzutreten und des Nachbars Speckbirnenspalier einer eingreifenden Besichtigung zu unterziehen. Wehe, wenn der Vater ihn betroffen hätte! Mit wildklopfendem Herzen stand Josefine auf Vorposten; selbst Cäcilie wurde es vergönnt, aufzupassen.
O, diese noch harten, grünen Birnen! In der versteckten Laube wurden sie verteilt, am Steintisch mürbe geklopft und mit Entzücken verspeist. Durch das dichte Pfeifenkraut drang kaum die neugierige Sonne. Dämmerig war’s in der versteckten, engen Laube, unendlich die heimliche Seligkeit.
Doch es kam ein Morgen, an dem Josefine, viel früher als sonst, weinend wieder zu Hause erschien. Sie wollte nicht essen und nicht spielen, trübselig kauerte sie in einem Winkel und schüttelte auf alles Befragen der Mutter nur stumm den Kopf. Sie mußte etwas angestellt haben! Der Feldwebel, der zu Mittag heraufkam, war ganz besorgt: »Nanu, Josefine, was ’s denn los?«
Da warf sie sich laut schluchzend an des Vaters Hals – der kleine Soldat war abgereist.
[3] Ungezogenes Mädchen.
IV
Zum fünften und sechsten Mal war der Storch über den Exerzierplatz geflogen und hatte vor des Feldwebels Fenstern geklappert.
Nun ließen fünf lebendige Kinder ihre Stimmen in der engen Feldwebelwohnung erschallen; diese war zwar um eine Kammer vergrößert, aber immerhin noch bedrängt genug. Die Großeltern Zillges hatten deshalb der Tochter den Vorschlag gemacht, ihnen ein Kind zu überlassen, es ihnen ›zum verwahren‹ zu übergeben. Die Wahl war auf Wilhelm gefallen. Die Kleinsten konnten die Mutter noch nicht entbehren. Josefine war schon als Hilfe zu gebrauchen, auch hätte der Vater die nicht hergegeben; bei Wilhelm hatte er weniger dawider, dem würden die guten Brühen der Großmutter zu statten kommen.