So hatten die alten Zillges auf einmal wieder ein Kind. Sein Bettchen stand neben dem Ehebett mit dem Kattunhimmel, und oft in der Nacht, wenn Frau Josefine Cordula den ruhigen Kinderatem hörte, glaubte sie, wieder ein junges Weib zu sein. All die Zärtlichkeit, die in dem alten Herzen nie erstorben war, die sich nur, fast verschämt, versteckt gehalten, brach wieder vor und strömte wie eine quellende Flut über das Haupt dieses Kindes. –

Nun ging der Bube schon in’s achte Jahr, aber er besuchte noch immer keine öffentliche Schule. Für die Freischule war er doch wahrhaftig zu schade, die rohen Jungen wurden ihn verprügeln; so ließ ihn der Großvater privatim unterrichten, wie er selbst auch in seiner Jugend privatim, beim Schreibmeister Müller in der ›Luft‹, gelernt hatte: lesen, schreiben und rechnen für fünfzehn Stüber monatlich. Der Lehrer, der nicht gern die gute Bürgerkundschaft verlieren wollte, lobte den Wilhelm, wenn der auch nicht immer zu loben war.

Sonst hatte sich der Wilhelm gut herausgemacht; freilich, zart war er geblieben, aber er sah nicht kränklich aus. Der Maler Deger, ein ganz berühmter, malte ihn als kleinen St. Johannes mit Kreuzchen und Lämmchen auf ein Altarbild, und auch andre Maler sprachen im ›Bunten Vogel‹ vor und baten um das hübsche Modell. Großmutter Zillges weinte verstohlene Thränen gerührter Freude. Sie hätte nicht mehr das Herz gehabt, ihrem kleinen St. Johannes etwas zu versagen; von nun an ließ sie ihm auch das schöne Haar lang wachsen und wickelte ihm abends die Locken ein.

Josefine war schon das vierte Jahr bei den Ursulinerinnen; die Großmutter hatte es durchgesetzt, daß sie dahin in die Schule gekommen. Das Geld war knapp im Feldwebelhaushalt, denn Rinke machte sich keinerlei Nebenverdienst von den Herren Freiwilligen oder bei der Kammer und der Menage, und so kam es, daß er in einer bedrängten Stunde seiner Frau, vielmehr deren Eltern, die Sorge für Josefines Schulgeld, zugleich hiermit aber auch die Wahl der Schule überlassen hatte. Und die Wahl war nicht groß für Mutter Zillges und Frau Trina, hatten sie beide doch auch bei den Ursulinerinnen die ersten schönen Gebetchen gelernt. Solange sie denken konnten, wurden da die Töchter guter Bürgersleute erzogen. Der fromme Gesang der Kinder schallte weit über die Ritterstraße und erbaute das Ohr der Anwohnenden. Auch stricken und nähen wurde dort gelehrt und französisch parlieren und späterhin feine Paramentenstickerei.

Rinke war sich über ›Schule‹ nicht ganz klar; in nebelhaften Umrissen erhob sich ihm ein Bild von stillesitzen, von pünktlichem Gehorsam und besonderer Reinlichkeit. So war’s wenigstens im Militärwaisenhaus gewesen: kam einer da nicht blitzblank zum Unterricht, gleich hieß es: Hemd ’runter! Unter der Pumpe wurden ihm die Ohren mit einem Strohwisch gescheuert, und wären’s zwanzig Grad Kälte gewesen. Er machte ein erfreutes Gesicht, als ihm Josefine den ersten Zeugniszettel nach Hause brachte:

Fleiß und Aufmerksamkeit: sehr lobenswert.

Betragen: sehr gut.

Flüchtig klopfte er seinem Kind die Backe: »Hm, gut abgeschnitten, mach mir weiter Ehre!«

Josefine ging gern zu den Ursulinerinnen; still saß sie da, ihre munteren, großen Augen hingen andächtig an den sanften Nonnenlippen. Das war etwas andres als die rauhen Töne, die über den Kasernenhof schallten! Auch geprügelt wurde hier nicht; die größte Strafe war, wenn eins der Kinder nicht mit in der langen Reihe der Schülerinnen zur Kapelle ziehen durfte, das Kindchen Jesu auf dem Schoß seiner Mutter zu schauen.

Sie hörte die Legenden der lieben Heiligen, die waren schöner als alle Märchen; sie lernte die Lieder zum Preis der holdseligen Jungfrau Maria. Die Augen strahlend erhoben, die Hände fromm gefaltet, sang sie mit heller Stimme die Hymnen; ihre Seele war ganz dabei.