»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein fehlendes Bein.

»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«

»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit Freud’ ernten!«

Und der Kleine schmiegte sich an sie:

»Mutter, ich bleib’ bei dir!«

Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der Straße sangen die Knaben Spottlieder:

›Was kraucht denn da im Busch herum?

Das ist der Herr Napolium –‹

Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach, Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen, besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen. Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt waren?!

Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen, Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel. Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.