Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’ Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann ’t de Junges schmeckt – bis morjen!«
Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam; besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden vorbei; für alle hatte sie nicht genug.
Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt, lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte. Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes Französisch wieder hervorholen?!
Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach, die Thränen kamen ihm in die Augen.«
Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen andern bestimmt.
»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.
Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen und bewegte die trockenen Lippen:
»Des rai – des rai –!«
Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort. Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›merci!‹ schloß er die Augen.
»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er vielleicht einen Weingarten gehabt!«