Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.

Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig, daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen Blick.

Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er ein wenig den Kopf und nickte:

»Pau–vre mère!«

Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken. Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.

Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes, französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber Sohn! Pauvre mère – das hatte sie getroffen in innerster Seele.

Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen, das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen, matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.

»Ma–man!«

Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.

Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.