Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.

Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten Kirchhof begraben wurde.

Und andre folgten ihm nach.

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Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht, und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.

Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen. Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten, zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen Bissen Brot.

In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.

Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.

Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.

Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden; aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden. Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.