Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark empfanden für die Mutter daheim.
Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹
»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n kleenes Briefchen schreiben?«
»Jern.«
»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel! Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden, wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also, haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’ ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken. Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber an die Juste schreiben Se man, bitte!«
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Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert, fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in Anspruch nehmend:
›Fahnen, Fahnen!
Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹
Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein, ’rein – ’raus.