Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!
Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen. Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen, sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!
Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.
Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen; Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:
›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹
In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹
In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und andre stießen mit Wein an.
Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz. »Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben ihn, den Napolium!«
Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam, hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.
»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,« brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten –‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte, ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.