Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose streichelte ihm über den Kopf: »Ah, merci, mon petit, Dieu vous bénisse!« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.

Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!

Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra. Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!

Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach: ›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.

Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.

Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.

Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war, trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust. Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine Ansprache. Die Rede schloß:

»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee, die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm Heldenkönig!«

Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹

Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur? Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr – er schluchzte: »Oh ma patrie, ma pauvre patrie!«