Ganze Waggons wollener Hemden, wollener Strümpfe, wollener Leibbinden gingen von der Stadt dorthin ab. Besorgt sah man die Rheinnebel steigen und sinken, schüttelte den Kopf über die unendlichen Regengüsse, lief verdrießlich mit Schnupfen und roter Nase umher – wie sollte es jetzt erst den Armen in den sumpfigen Metzer Gräben ergehen? Und wie vor Paris?! Man war des langen Krieges recht herzlich müde. Täglich bohrten sich tausende begieriger Augen in die Spalten der Zeitung: ›Kleine Ausfälle bei Metz, nichts Neues vor Paris‹ – das war die stete Losung. Wann denn, wann denn endlich?! Sollten die armen Jungen nicht einmal Weihnachten zu Hause feiern?
Ängstliche Seelen nahmen’s als schlechtes Zeichen, daß im Nordwesten der Stadt eines Abends ein Nordlicht auftauchte; man brauchte gar nicht auf die Sternwarte zu rennen, ein jeder sah’s mit bloßem Auge. Voll unheimlichen Scheines, groß und seltsam, mit rotem Kranz stand es über dem Strom. Warum kam das hierher, wie hatte sich das vom Polar an den Rhein verirrt? Das bedeutete Blut, noch viel Blut.
Es half nichts – Metz halsstarrig, vor Paris nichts Neues – man mußte sich auf den Winter gefaßt machen. Der Pelzmarkt war im Gang, seufzend kaufte manches Bäuerlein sich ein Paar Winterfäustlinge und dachte dabei an seinen frierenden Sohn – da kam die Nachricht: ›Metz hat kapituliert!‹
Wohl war die Freude groß, und die Stadt ließ sich nicht lumpen mit Festesglanz, aber es war nichts gegen den Jubel von Sedan. Jetzt verlangte das Herz zu sehr nach Frieden.
Der November brachte bitteren Frost, die Kartoffeln wurden teurer, und die Kohlenpreise stiegen rapide. Kinder von ausgerückten Landwehrmännern trippelten Mittags in die Häuser der Wohlhabenden und ließen sich die Suppentöpfchen füllen für sich und ihre Mütter und die hungernden Geschwister. Im Hofgarten lasen arme Buben Holz auf, Wohlthätigkeitsvereine verteilten Feuerung. Nun galt es nicht allein, Charpie zu zupfen, nun hieß es auch: Strümpfe stricken, Röcke nähen, Hemdchen zuschneiden, Mäntel zurechtmachen für die Familien der fernen Krieger. Und der Bedürftigen waren viele.
Auch Josefine gab – Gott sei Dank, sie konnte ja geben! – wenn auch alle Geschäfte klagten, ihr Lädchen ging. Sie hatte ihren Halt an der Kaserne, die gab ihr Kundschaft, die verließ sie nicht. Die alte Kaserne! Sie fühlte sich wieder ganz darin zu Hause.
Treppauf treppab, von Block zu Block, von Bett zu Bett.
Nun hatte sie viele neue Gesichter unter ihren Kranken, kaum einige der ersten Gäste waren noch da. Sechzig lagen draußen auf der neuzugekauften Parzelle des Kirchhofs, und der Winterschnee deckte sie zu.
Unteroffizier Schmidt mit seinem Eisernen Kreuz war längst wieder seiner Kompagnie nachgerückt. »Der wird schon wieder Schwung in die Gesellschaft bringen,« hatte der Oberstleutnant gesagt. »Ein Kerl wie der ist unbezahlbar. Immer fidel. Und namentlich zum Requirieren wie geschaffen. Treibt keiner ein Pfund Fleisch mehr auf, der kommt gewiß noch mit ’ner fetten Gans unter’m Arm!«
Auch die in der Kaserne Zurückgebliebenen vermißten Schmidt; er hatte sie alle aufgekratzt. Aber in Paris mußte er doch mit einziehen, das war sein Traum. Und dann wurde die ›Juste‹ geheiratet, hatte sie ihm doch eine selige Antwort gegeben und dem Bengel die Hand zum Gruß geführt: ›Lieba Vata!‹ –