Der Rhein trieb mit Eis, es war so kalt, so grimmig kalt, wie sich’s die ältesten Düsseldorfer nicht erinnern konnten, und doch kamen die jämmerlichen Franzosen durch ohne Mäntel, ohne Schuhe, zerrissene Lappen um die Füße gewickelt. Viele gar ohne Strümpfe, mit erfrorenen Zehen. Wenn’s hoch kam, hatte einer noch die Lumpen einer Pferdedecke. Das waren die Kriegsgefangenen, die Reste der großen Armee, die nach der Festung Wesel eskortiert wurden, nach Minden, oder nach den Baracken auf der Wahner Heide. Durch die Eifel waren sie marschiert, über die öden, endlosen Hochlandsstrecken, auf die der Schnee fiel wie ein Leichentuch. Sie hatten den Winterstürmen nichts mehr entgegenzusetzen gehabt: keinen gesättigten Magen, keine warmumhüllten Glieder, vor allem kein hoffendes Herz mehr – die gloire verloren, alles verloren! Verstohlen blieb manch einer zurück. Der Zug war endlos – wer merkte das Fehlen eines einzelnen? Mutlos streckte er den ausgemergelten Körper in den Schnee und starb.

Josefine war zugegen, als solch ein Zug in Düsseldorf ankam. Ein eisiger Winterregen, der wie mit spitzigen Eisstückchen peitschte, ging nieder. In den halbzerflossenen Schnee des Exerzierplatzes hatten sich die Unglücklichen hingeworfen. Sie waren zu Tode erschöpft. Sterbenden glichen sie alle, und Sterbende waren auch unter ihnen. Dort trug man einen in’s Stroh des nächsten Stalles; bis auf den Platz war er noch gewankt, nun hatte er geendet. Und hier schrie einer in höchsten Nöten: »Mon dieu, mon dieu! Ah, comme je suis malheureux!«

Allen klapperten die Zähne, alle waren blau vor Frost, allen bluteten die Füße. Halbnackt streckten sich ihre mageren Glieder aus den abgerissenen Uniformen; alle ohne Haltung, alle ohne Disciplin. Sie hörten auf kein Kommando mehr; den Nonnen rissen sie die Blechnäpfe mit heißer Suppe aus den Händen, packten die Gefäße und stülpten sie sich in der Gier des Trinkens fast über den Kopf.

Josefine konnte nicht mehr an sich halten; im ersten Impuls unendlichen Mitgefühls kniete sie nieder und stützte die Elendesten. Blut, Wunden, Kanonendonner, Todesröcheln – es war nichts gegen dies! Die Thränen gossen ihr herab, sie hatte keine Hand frei, und so tropften sie in die Suppe, die sie den Verschmachteten reichte.

Allen wurden die Füße verbunden – eine kurze Rast – und dann hieß es weiter. Aber die Unglücklichen wollten nicht weiter, sie blieben im Schnee liegen; hier wollten sie sterben.

Es hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden, nicht wenige unter ihnen weinten. Ein armer Arbeiter zog plötzlich seine Stiefel aus und reichte sie einem der Franzosen, der nur Lappen um die Füße gewickelt hatte; dabei fluchte er. Und auch andre stießen Verwünschungen aus – nicht die Besiegten, die hatten nicht einmal Kraft mehr zu einer Verwünschung – sie, die Siegreichen, verwünschten den Krieg. Nur Friede, Friede! Was man an Geld in der Tasche hatte, gab man her.

Josefine war nach Haus gestürzt; auch sie mußte geben, den Armen geben, was sie besaß an Hemden, Strümpfen, Kleidern. Die Sachen ihres Peter hatte sie nie, nie hergeben wollen – diese teuren Kleidungsstücke, diese heiligen Andenken – nun gab sie sie doch. Ein häßlicher Schwarzer warf seine zerlumpten Hosen weg und kroch mit Zähnefletschen in die ihres Peter, und ein todblasser Tambourmajor hüllte sich in den großen Mantel, den ihr Ältester noch von seinem Vater geerbt. Alles gab sie hin. Nun hatte sie nichts mehr. Mit schmerzlichem Bedauern zeigte sie ihre leeren Hände.

Heute fühlte sie sich zum erstenmal erschöpft, heute fühlte sie zum erstenmal die Kälte des Winters und den schneidenden Wind, der ihr die Haare um die Schläfen peitschte. Heute mußte sie zum erstenmal einen Augenblick ruhn. Als sie heim kam, waren der Bruder und Fritz nicht da. Thüren und Schränke und Kommoden hatten sie offen gelassen – wohin? Aber schon kamen sie atemlos zurück; der Knabe führte den Invaliden, der auf dem Glatteis höchst mühselig ging. Doch Ferdinand lamentierte nicht.

»Finchen,« schrie er im Eintreten und wischte sich den Schweiß der Anstrengung ab, »die armen Teufel! Heiliges Kanonenrohr, wie is da unser einer gegen dran! Fina, schimpf’ nit, aber ich hab’ denen mein’ andre Bux’ un auch wat Unterzeug un ne Rock mitgegeben – ich hab’ ja so viel!«

Da nickte sie ihm zu.