Wer hätte sie schweigen heißen mögen?!

Und auch in der Kaserne erklangen Weihnachtslieder. Für mächtige Tannenbäume war gesorgt. Viele Abende hatte Josefine mit den Nonnen an dem Riesenbaum, der auf dem größten Krankensaal, dem Offizierskasino, stehen sollte, geschmückt. Die junge Schwester Daria mit den roten Wangen war unermüdlich im Schneiden bunter Papierketten und zierlicher Körbchen. Und sie war so voller Lust dabei, in ihrer schwarzen Tracht so heiter, als wäre sie eine glückliche Mutter, die ihren Kindern den Christbaum putzt. Josefine mußte sie oft erstaunt, fast bewundernd ansehen, diese still freundlichen Gestalten in den schwarzen Kutten; sie fühlte die alte Neigung wieder erwachen, die sie einst als Kind zu den lieben Nönnchen hingezogen – diese hier waren wahrhaft ehrwürdig!

Gloria in excelsis deo‹ leuchtete in bunten Farben vom Spruchband des Engels auf dem Transparent im Weihnachtssaal. Ein ganzes Jahr hatte das Transparent versteckt gestanden in irgend einem verstaubten Winkel. Nun hatten geschäftige Hände es hervorgeholt und unter’m Tannenbaum aufgestellt. Josefine hatte nichts davon gewußt, nun sah sie es plötzlich bei der Bescherung im vollen Lichterglanz, und das Herz stand ihr still vor freudigem Schreck – das war ja das Werk ihres Sohnes! Das war von ihm übrig geblieben hier in der Kaserne: Gloria in excelsis deo!

Und in die Freude mischte sich der Schmerz. Aber der Schmerz übermannte sie nicht, ein heiliges Entzücken trug ihr Empfinden höher. Sie schlang die Finger ineinander und hörte still das uralte Weihnachtsevangelium an, das der Geistliche verlas: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!‹

Ein Chor sang, Schwester Darias Sopran schwebte hoch und hell über den rauhen Männerstimmen. Alte, vertraute Weihnachtslieder und ein Duft vom Tannenbaum – da fiel auch Josefine ein mit voller, kräftiger Stimme.

Andächtig hörten die Franzosen zu, als die ›prussiens‹ sangen. Sie kannten nicht die deutsche Weihnachtsfeier, aber sie gefiel ihnen. Wie die Kinder streckten sie die Hände aus nach den Äpfeln und Nüssen und nach dem Korinthenplatz: »Ah, weiße Brot, oh, merci, merci, weiße Brot, très-bon

Dann baten sie, auch ihrerseits etwas vortragen zu dürfen. Zwei rotbehoste Kerle traten an – der eine trug noch den Arm verbunden, der andere den Kopf – und führten eine Scene auf mit Gesang und Tanz. Hei, wie die Fußspitzen flogen! Immer dem andern bis an die Nase. Die Verwundeten, die noch zu krank waren, ihre Betten längs der Saalwand zu verlassen, ließen sich stützen, um mit gereckten Hälsen auch etwas von der Aufführung zu ergattern. Urdrollige Kerls! Die Zuschauer verstanden nichts, aber sie wanden sich vor Lachen.

Eine harmlose Fröhlichkeit wurde allgemein. Manch deutscher Landwehrmann, der bangend gedacht, es an diesem Abend vor Heimweh nach seinen Kindern nicht aushalten zu können, amüsierte sich königlich. Und die Franzosen sprangen immer höher und tanzten immer feuriger; heute war alles ›malheur‹ vergessen, sie wiegten sich auf dem Beifall, sie genossen das bescheidene Glück, bewundert zu werden.

Leise stahl sich Josefine hinaus. Rauh war draußen die Winternacht, durch die sie schritt, die Erde, auf die ihr Fuß trat, hart gefroren. Kahl standen die Ahornbäume, erstarrt wie im Todesschlaf; aber ihr Herz schlug warm und lebensvoll und doch voll Ruhe.

Gloria in excelsis deo – in ihr war Friede.