Münchener Neueste Nachrichten. Dieser Roman ist eine durchaus eigenartige, literarische Erscheinung, ein Werk voll großer Schönheiten, voll tiefen Ernstes und erfüllt von idealer künstlerischer Lebensauffassung. Vielleicht wird mancher sich nur zögernd entschließen, ein Buch zur Hand zu nehmen, das ihm für einen Roman etwas zu umfangreich erscheinen möchte. Es ist auch kein Buch für jene Kategorie von Lesern, denen es nur darum zu tun ist, mit möglichst aufregender Lektüre eine müßige Stunde auszufüllen. Der Verfasser, ein treuer Freund unseres unvergeßlichen Leibl, hat etwas von dessen Eigenart in sein Werk übertragen, und so wenig wir an Leibl Haß und Unvollkommenheiten kennen, so wenig werden wir auch hier Flüchtigkeiten entdecken; manchmal will es uns sogar erscheinen, als hätte sich der Verfasser hie und da allzu sorgfältige Ausmalung mancher Details schenken können. Über dem ganzen Werk aber liegt, was wir an Leibl schätzen: Naturtreue und Wahrhaftigkeit und innige Klarheit.

Neue Preußische (Kreuz) Zeitung. Der Roman, den wir mit Interesse gelesen haben, verdankt seinen ziemlich großen Umfang nicht der Mannigfaltigkeit der Figuren und häufigem Wechsel der Szenerieen, sondern dem auf die wenigen Gestalten verwendeten Fleiß und der Freude an stimmungsvollen Schilderungen. Die Handlung kann wohl menschlich ergreifen, und die Entwicklung vermag psychologische Vorgänge in anziehender und anschaulicher Weise nahe zu bringen. Immerhin ist der im Vordergrund stehende Charakter, ein Mann von Bildung, der jedoch seines Lebens ernste Aufgabe in der Jugend nicht streng genug erkannte und mit seinem verwundeten Herzen überhaupt nicht mehr in die scharfen Forderungen absoluter Sittlichkeit hineinzudringen versteht, eine etwas seltsame Natur, der auch in der Dichtung ein feiner Schleier umgehängt ist. Wir glauben, die Figur wäre wirkungsvoller, wenn seine Liebe zu Marie ganz ideal geblieben wäre. Es wäre etwas für die Menschheit gewonnen. So kommt eine doppelte Schwäche in die Sache hinein. Die Gestalt der Schwester ist tadellos gezeichnet, während das Ehepaar doch zuletzt aus der Skizzierung nicht herauskommt, auch Marie, die Frau, nicht, welche sich doch von Wolf, jenem erstgenannten Charakter, so sehr entwickeln und zum Schluß verwickeln läßt. Dem Dichter steht aber bei alledem Wahrheit und Sittlichkeit so hoch als wünschenswert; er ist infolgedessen auch gerecht und beschönigt nichts. Die beiden, welche schließlich den Rest des Lebensweges miteinander machen, sind die kernigen, wenig angefochtenen Naturen. Eine originelle Nebenfigur, sowie eine episodenartige Szenerie, die jedoch nicht ohne Verbindung mit der gesamten Entwicklung ist, kommt dem Eindruck zugute. Die Schreibweise ist einfach und entbehrt doch nicht großer Züge und poetischen Reichtums.

New-Yorker Staatszeitung. ... Auch in »Die stumme Mühle« von Otto von Leitgeb sendet dieses Motiv (– die Ehe –) seinen beängstigend fragenden Ruf. Tief unten im Flußtal, wohin die rings aufsteigenden Bergwände keinen Sonnenstrahl dringen lassen, liegt die Mühle, die noch keinem ihrer Besitzer Glück gebracht und oft lange Jahre hindurch stumm geruht, nur von Daniel, dem alten Müllerknecht, behütet, dem Hausgeist, der hin und wieder an die Mühlsteine klopft und die Schaufelräder streichelt und laut mit den Schlüsseln klirrt, die in den rostigen Schlössern knirschen, nur um doch einmal einen Laut zu hören in der Stille und dem Schweigen ringsum. Denn einsam war der Alte; sein Weib war ihm gestorben, sein Kind verdorben; und wie ein Unglücksrabe kreist er um die stumme Mühle und kündet denen, die sie an sich bringen, kein Glück. Auch Robert Willmut nicht, dem neuen Herrn, der einst als Kind mit dem Töchterlein des benachbarten Auhofs Mann und Frau gespielt, aber um das kräftig erwachsene, reiche Mädchen nicht zu werben wagt und eine zarte, feine Treibhausblume aus der Stadt als Weib heimführt: Marie. Aber die Kinderfreundschaft war nicht vergessen, und zwischen der stummen Mühle, wo die junge Frau neben dem nüchternen, rastlos tätigen Gatten sich in eine Traumwelt einspinnt und in die Vergangenheit versenkt, und dem einsamen Auhof, den die praktische, verständige Klara für den Bruder verwaltet, den Träumer Wolf, der eine Jugendschuld büßend die Welt flieht, entwickelt sich ein reger Verkehr. Denn diese Menschen sind aufeinander angewiesen; sie bedürfen einander. Eine Reihe entzückender Stilleben, wunderbar stimmungsvoller Naturbilder entrollt der Verfasser, aber fest und klar schlingt sich mitten durch der Faden der Tragödie, des Schicksals. Wird auch Marie, diese ideale Verkörperung des passiv Lust und Leid auf sich nehmenden Weibes sich dessen, was ihrer Ehe zum Glück fehlt, nicht bewußt; gesteht auch Klara, dieses arbeitstüchtige, mutige Mädchen, sich nicht ein, daß die schwesterliche Hingebung ihr Leben trotz seines Pflichtenreichtums nicht ausfüllt – tief unter der ruhigen Oberfläche dieser tragischen Idylle lauert das Schicksal auf den Augenblick, da es allgewaltig in das Leben dieser vier Menschen einschreitet und sie aufrüttelt aus ihrem stummen Dahindämmern und Dahinträumen.

Zu einer Tragödie der Selbsttäuschung spitzt sich die Handlung zu, als Marie, die sich in der sonnenlosen Mühle an der Seite des poesielosen Robert glücklich wähnt, allmählich verkümmert und dahinsiecht, bis die Ahnung eines echten Glücks ihr den Todesstoß versetzt. Seelenkundig hat Leitgeb die Wahlverwandtschaft angedeutet, die zwischen Marie und Wolf besteht, dieser fein gezeichneten, unruhigen Künstlernatur, und zwischen Robert und Klara, diesen beiden für das Alltagsleben geschaffenen Menschen. Es sind Gestalten von packender Lebendigkeit. Goldene Worte hat er Schmidt in den Mund gelegt, dem Fünften im Bunde; einem Lebensphilosophen von fesselnder Originalität und herzgewinnender Liebenswürdigkeit. Sympathisch berührt auch die Gestalt des Landarztes mit seiner aus der Kenntnis menschlicher Schwächen und Gebrechen gesogenen, viel verstehenden und verzeihenden, milden Lebensweisheit. Das welsche Wanderblut der schönen Hannah, der verbissene Proletariergroll Daniels, die prickelnde, lebensvolle und schaffensfreudige Atmosphäre des Münchener Künstlerkreises vollenden das wechselreiche Lebensbild. Sieghaft wie ein Sonnenblick durchbricht manchmal ein schalkhafter Humor die Wolken und die Schatten der stummen Mühle. Der Dichter versteht sich auf die Verteilung der Kontraste. Die Szene in der Künstlerrunde, wo in Gegenwart Wolfs von dem Bilde die Rede ist, dessen Modell Hannah gewesen, ist eine Prachtleistung. Leitgebs Kunst ist eine feinnervige. Schon in seinen Novellen offenbarte er sich als Meister im Erahnen und Erfassen der flüchtigsten und verborgensten Seelenregungen, im Empfinden und Wiederspiegeln der zartesten Naturstimmungen. Er schwelgt ordentlich in dieser seiner eigensten Kunst. Aber er ist zu sehr Künstler, um den Gang der Handlung dadurch aufhalten zu lassen; sie schreitet langsam vorwärts, steigert sich ganz allmählich zum tragischen Konflikt und bricht in dem Augenblick ab, da die alte Schuld gesühnt wird und ein neues Leben beginnen soll für die drei Überlebenden in der Tragödie der Wahlverwandtschaft, die sich uneingestanden in der stummen Mühle abspielt.

Berliner Morgenpost. Einen Band von nahezu vierhundert Seiten durchzulesen, dazu gehört heutzutage in der Zeit der short story schon ein Entschluß. Man traut sich kaum, mit der Lektüre anzufangen, und in den seltensten Fällen bringt man sie zu Ende. Hat man aber sich selbst überwunden, so kommt man sich wie ein Triumphator vor und hat beinahe die Empfindung, als schulde einem der Autor Dank. Nun, bei Leitgebs Roman bleibt man von solcher Überhebung weit entfernt. Trotzdem die Handlung durchaus nicht sensationell ist, also keinen stofflichen Reiz bietet, folgt man ihr mit sich stets steigernder Spannung. Dabei hat man immer wieder Gelegenheit, den großen Gesichtskreis des Dichters zu bewundern, der alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, die Beziehungen des einzelnen zur Natur und zur Allgemeinheit behandelt und in einer Fülle von gedankenreichen Bemerkungen seine Menschen- und Weltkenntnis zeigt. Unter dem Nachdenklichen des Buches leidet aber die Plastik der Figuren durchaus nicht. In vollem blühenden Leben stehen sie vor uns, und die »unwahrscheinlichste« von allen, der Schwärmer Schmidt, am meisten. Mit einem Worte ein gutes Buch, das aber ernste Leser verlangt.

Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.

Liste korrigierter Druckfehler

[Seite 6]: Punkt am Satzende ergänzt (... gleich darauf fuhr sein Blick wieder rollend über die Soldaten hin.)

[Seite 8]: Punkt am Satzende ergänzt (Der armen, jungen Frau so den christlichen Taufnamen zu verschimpfieren.)

[Seite 20]: Punkt am Satzende ergänzt (Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu.)