Finster, die Stirn zusammengezogen, betrachtete er die Weinende. Da saß sie nun und heulte, daß ihr ganzer übervoller Busen schütterte. War das noch dieselbe, die ihm einst im ›Bunten Vogel‹ entgegengeschwänzelt war, so frisch und frank und frei, die Augen blank, der Mund lachend, so ein echtes, rheinisches Mädel? Ein rasches Wohlgefallen hatte ihn damals erfaßt, wie lauter Lust hatte es ihn angeblasen – hei, die würde immer fröhlich sein, würde eine kernige Mutter werden für stramme Soldatenkinder! Ihr Geld hatte ihn nicht gereizt, was sollte er damit? Aber es lohnte sich wohl, um sie einen Strauß auszufechten mit den protzigen Alten. Die Hindernisse reizten erst recht. Zur Attacke! Vorwärts, marsch, im Sturmschritt! Diese rheinischen Dickköpfe sollten doch sehen, mit dem Verachten des Preußen war’s Essig, der war ihnen noch lange über, der wurde doch ihr Schwiegersohn – nun gerade! Und ’s Mädel war verliebt bis über die Ohren, zeigte es ihm in jedem Blick – also warum denn nicht?! Wenn einer nicht Vater, nicht Mutter mehr hat, nichts Zärtliches auf der Welt, da thut eine weiche Patsche ganz gut, die streichelt. Also: Los auf die Festung, sie ergiebt sich! –

Und jetzt?!

Schwer ruhte des Feldwebels Blick auf seiner Frau. Er seufzte. Arme Käthe, die hatte sich auch betrogen! Der Soldat muß allein sein, oder er muß ein Weib haben, das da spricht: Mit Gott für König und Vaterland!

»Josefine!« Unwillkürlich suchte sein Blick die Tochter. Sie sah ihn aufmerksam an. »Josefine, was thut der Soldat, wenn sein König ruft?«

»Jehorcht.«

»Ja, du kennst den Rummel,« sagte er weich.

Frau Trina war mit den heulenden Kleinen nach der Küche gegangen, die Abendsuppe zu bereiten; Vater und Tochter saßen in der Stube allein. Josefine hockte auf einem Fußschemel und stemmte beide nackte Ellbogen auf des Vaters Kniee. Das schöne Abendrot über’m Exerzierplatz warf einen warmen Schimmer auf die Geranienstöcke im Fenster und von da einen noch durchglühteren auf das blonde Haar des Kindes.

Der Feldwebel hatte sich auf der Brust, da wo sonst immer das lederne Dienstbuch mit den Notizen zu stecken pflegte, die Knöpfe aufgerissen; der Rock war ihm auf einmal so eng. Krieg, Krieg!!

Er rieb sich die Hände; ein Frohlocken war in seinem Ton:

»Nanu, die Franzosen wollen wieder krächzen?! Ich sage dir, das läßt sich unser neuer Herr und König nicht gefallen. Der hat was los. Sagt’ er nicht letzthin zu Berlin: ›Gott erhalte unser preußisches Vaterland, sich selbst, Deutschland und der Welt zur Ehre!‹ Unser Preußen – ihm zur Ehre, ja! Dresche müssen kriegen, die ihm zuwider sind – alle Hallunken! Aber warte man, warte!«