In freudiger Aufwallung legte er seine Hand auf Josefines Kopf: »Du sollst mal sehen, du wirst’s erleben, wie ich’s erlebt habe, anno 13. Da war ich nur wenige Jahre älter wie du jetzt. Da liefen sie alle hin unter die Fahnen; die Männer wurden wieder zu Jünglingen und die Jünglinge zu Männern. Und die Weiber haben ihren Männern nicht das Herz schwer gemacht« – unwillkürlich suchte sein Blick die Thür, hinter der Frau Trina verschwunden war – »und die Bräute haben sich ihren Liebsten nicht an den Rockzipfel gehängt. Ich weiß es noch wie heute, als Vater ausrückte. Wir standen vor der Thür, Mutter und ich, er saß schon auf dem Gaule.
»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er. Sie sagte nur: ›Mit Gott.‹ Und dann gaben sie sich die Hände. Keine Thräne hat Mutter geweint. Aber ihm kullerten ein paar dicke Tropfen über die Backen; ’s war ihm wohl bange um sie, sie war verdammt schmächtig.
»Als ich bei meinem Alten die Thränen sah, fing ich an loszuheulen, aber es war mehr darum, daß ich noch ein Knirps war, daß ich noch nicht mitkonnte in den großen Krieg. Vater bückte sich vom Gaul, lupfte mich ein wenig hoch und gab mir ’nen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern: ›Hier wird nich geflennt! Sei Muttern ’ne Stütze – mach mir Ehre!‹
»Da verbiß ich mir das Heulen, und als der Gaul davongaloppierte, galoppierte ich hintennach bis auf den Marktplatz, wo sie sich sammelten, und schrie, bis mir der Atem ausging: ›Hurra, hurra, hurra!‹ Und das schrei’ ich noch heut!«
Der Feldwebel war aufgesprungen und breitete die Arme weit: »Hurra, hurra, hurra!«
Josefine hatte ihm ohne Laut zugehört, die Augen fest auf ihn gerichtet; jetzt umklammerte sie seinen Arm: »Vater, weiter, erzähl’ weiter!« Und als er nicht gleich fortfuhr, stampfte sie ungeduldig mit dem Fuß: »Weiter, erzähl’ doch!«
»Ja, das ist was für dich,« schmunzelte er, »das glaub’ ich! – Und die Frauenzimmer brachten ihre goldenen Nadeln und Kämme und Ohrgehänge, was sie an Goldkram hatten, und das wurde eingeschmolzen und gab Geld für’s Vaterland. Sie trugen nun anstatt ihres Schmucks eiserne Anhänger und waren stolz drauf. Da waren Weiber, die gaben ihre Eheringe her, und welche, die gar nichts hatten, ließen ihr schönes Haar abschneiden und verkaufen das, und –«
»Ich will auch mein Haar abschneiden lassen!« Josefine schrie plötzlich auf und faßte mit beiden Händen nach ihrem kurzen Schopf. Eine heiße Röte lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging rasch, die Kinderbrust flog unter dem Schürzchen. »Schneid’ mir mein Haar ab, lieber Vater – da haste’t – schneid’ et doch ab!«
Er lachte. »Das ist ja viel zu kurz. Na, na, laß man,« und er strich ihr liebkosend über die blonde Mähne.
Da ließ sie die Arme herunterhängen und den Kopf auch und kauerte sich ganz auf ihrem Schemel zusammen. Unter Schluchzen stieß sie heraus: »Ich will aber – wat soll ich dann jeben? Ich – ich hab’ ja nix – jar nix!«