»Warte man,« tröstete der Feldwebel und legte ihr seine Hand auf die heiße Stirn. Aber er lachte nicht mehr, seine Stimme klang ernst: »Warte man, Josefine, warte, deine Zeit, die kommt auch noch!« –

Das verklärende Abendrot über’m Exerzierplatz war erloschen, plötzlich aller Glanz hin. Ein nüchterner, bleichherbstlicher Nachthimmel spannte seinen Bogen, und ein Windstoß fegte abständige Kastanienblätter der Königsallee wirbelnd in den Kanal. Matte Sterne zogen auf und standen, ohne zu leuchten, über der Kaserne.

V

Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden.

»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau. »Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal ›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’ ›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann, de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld fahren jetzt als de Leut’!«

Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in dem er so gern spazierte mit seinem kaffeebraunen Leibrock angethan und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt.

Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹, ganz einsam.

Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die Großmutter verteilte.

Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut, von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter, schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken.

Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick, laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße herum, machten ›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater streng genug.