Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts mehr!«

Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn.

Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne, und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte.

Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran!

Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹. Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller und versteckte sich im Taubenschlag.

Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des Schwiegersohns nicht angenehm überrascht.

»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend, auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf Seit däuen.[4] Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen aus’m Dreck trecken,[5] dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben kein Tippelchen Pietät!«

Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem Schnauzbart.

Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten. »Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’ – ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges schneuzte sich heftig.

Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt auf sein Vaterrecht zu pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan! Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand.