»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!«
Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von Clermont zog es ihr weg.
»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst, wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!«
Der Bursche grinste und machte Kehrt.
»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte. »Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen, der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!«
»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopf zurück. »Wann du nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!«
Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen. Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort, zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank zusammengeführt.
Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten – so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne! Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der Feldwebeltochter. –
Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlenderten die beiden wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los.
»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!«