Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!«
Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals.
»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die frechen Jungens!«
»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen, wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen johlend hinterdrein.
Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?! Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig von der Seite betrachtete.
Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na, natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen Kompagnie.
»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nicht allein sind,« seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr.
»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen Blick zurück.
Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock immer nicht lang genug kriegen – no, so geck!
»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen: