Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den Nikolaustag. Der war heute.

Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den Kopf: wie sollte er’s ermöglichen, ihr einen Weckmann zu schenken? Da war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte.

In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife im Maul.

Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer ›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, – ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der linken Brust zu tragen.

Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7] Wie würde sie sich darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb nichts wie diese Erinnerung.

›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann ihre weißen Zähne vergraben.

Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen!

Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab.

Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag. Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf.

Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die ganze Luft von Wasserdunst erfüllt.