Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnete sie’s immer, ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels.
Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag, Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!«
Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um das Wasser im Keller zu sehen – also das war ihr die Hauptsache am letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche – wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht!
Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun hatte sie schon alle Frühjahr, wenn das Eis trieb und der Schnee schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren.
»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit fort.
Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus.
Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es plätschert dem alten Jan Willem um die Füße.
Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült, die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus dem Wasser; hinunter nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht.
Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen Stellen nahm er Karlchen Huckeback.
Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick.