O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der Bauernhöfe. Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein; er hält den umarmt im grauen Dunst. Wo sind Wolken, wo Wasser? Man weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt, weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles umstricken. –
Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹ anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt. Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten. Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn Josefine in die Hand.
Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube.
Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte: das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf – all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken – Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns dat an? Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –«
»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et Wasser langs de janze Bolkerstraß’?«
Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!«
»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit, aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!«
»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie, »lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in fahren!«
Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften.
Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene flüchten mochten.