Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht in der Stube.
Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift, hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. –
Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so fürchterlich, daß alle ihn scheuten?!
Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden Stiefeln.
»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!« Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt; keiner traute sich in die Stube.
Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um.
Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!«
Der Mond stand über’m Hof, ein rundes, bleiches Riesengesicht, als der Feldwebel aus der Thür trat. Die Straße war von Mondschein überzittert, die Lämpchen der Laternen glimmten dunkelrötlich gegen dies blauweiße Licht. Die Luft so klar; der über Tag geschmolzene Schnee glitzerte wie ein eisiger Spiegel. Wenig Menschen unterwegs, nur ein paar Dienstmädchen trippelten vorsichtig vor den Hausthüren und streuten Sand und Asche. Bei Kühling im ersten Stock, wo der Herr Bataillonsadjutant wohnte, waren die Fenster dunkel; Rinke guckte hinauf: der war noch nicht zu Hause – desto besser, so ging er auf dem Rückweg vor. Erst zur Kapuzinergasse!
Bei Meister Pickardt hatten die Gesellen bereits Feierabend gemacht, nur er selber saß noch auf dem Tisch unter der qualmenden Öllampe und stülpte einen Waffenrockkragen. »Eja, dat is en Leid mit de Jesellen,« klagte er, »heutzutag’ will keiner meh en Stund überarbeiten. Dat lernen se von Pariß, dat kömmt mit der neuen Mod’! Eja, en schlimme Zeit!«
»Thu dich nit so,« rief die Meisterin aus der offenen Küchenthür, »als ob du selber nit jenug schimpfen thätst, wenn de Offiziers e so pressieren: die verdammte Kuranzerei! Die Junges haben wohl recht: wenn mer sei janz Leben arbeit’, muß mer auch uf de Minut Feierabend machen. Hör uf, mach dich ens parat, wir wollen auch noch e bißche erausjehen!«