Adjüs –! In des Vaters Ohren begann es zu sausen, und dazwischen hörte er eine heisere Stimme. An der Thür – auf der Schwelle hatte der Bengel gestanden: ›Adjüs!‹ – Durchgebrannt war der!
»Marijosef!« rief die Meisterin, die aus der Küche nähergekommen war, und bekreuzte sich, »wat schimpft Ihr! De arme junge Mensch, wat sah de schlecht aus! Wie en Leich’! ›Willem, wat is Ihnen?‹ sagt’ ich jestern abend. ›Nix,‹ sät hä, aber ich hört ein schlucksen, als hän de Trepp’ eruf jing nach Bett.«
»Er ist nicht nach Hause gekommen,« murmelte der Feldwebel und starrte vor sich hin. Das kam ihm alles so rasch, das stürzte über ihn her – der Junge fort! – Und die da, der Meister und seine Frau, die schienen noch seine Partei zu nehmen, heimlich Front zu machen gegen ihn, den Vater!
»Also de es nit no Huus jekommen?« sagte die Meisterin wieder. »O Jemmich! Wundern thut mich dat weiter nit. Dat war immer ’ne Anjang für em, nach der Kasern’ zu jehn. Wat hat Ihr dann mit em vorjehatt? Weiß Jott, wo de jetzt erumläuft, de arme Jung’! Un die Kält’ noch bei der Nacht!« Mit großem Behagen malte sie ein Umherirren bei Nacht und Schnee aus. »Letzte Winter haben se auch ’ne junge Mensch jefunden, de auf en Bank in der Hofjarten einjeschlafen war – erfroren!« Sie schlug die Hände über’m Kopf zusammen: »Wat wird Euer Frau sagen?! Lauft ’schwind nach der Polizei, dat se’m suchen!«
»Unsinn!« Der Feldwebel nahm sich zusammen, das geschwätzige Weib sollte ihm nicht seine Unruhe anmerken. »Wird sich schon wieder anfinden. Wird bei seiner Großmutter hocken!« Und wie sich selbst beruhigend, wiederholte er noch einmal: »Bei seiner Großmutter – ich wer’ ihn lehren! Morgen tritt er hier wieder an. ’n Abend!« Damit ging er.
Die Meisterin schimpfte hinter ihm drein: »De Preuß’! De hochmütige Kerl! Wat de wohl de arme Jung’ kuranzt hat! De Eisenfresser, de –«
»Bis still,« flüsterte ihr Mann und legte ihr rasch die Hand auf den Mund, »mach nit, dat ich Verdruß drum krieg’!«
»Ä wat, Verdruß oder nit, ich werd’ mich doch wejen dem Preuß nit scheniere! Wann et ihnen nit jefällt, laß se machen, dat se aus Düsseldorf erauskommen, wir sind se als lang leid!« –
Rinke eilte durch die Gassen. Gleich neckenden Fingern streckte der Mond seine Strahlen nach ihm aus; als langer, fliehender Schatten zeichnete sich seine dunkle Gestalt von den weißen Hauswänden ab. Er lief, daß ihm der Atem ausging und die zum Wirtshaus wandelnden friedlichen Bürger verwundert mit ihren langen Pfeifen nach ihm zeigten: »Wat hätt’ de?!« Warum lief der Preuße so? Sie brachten eine aufregende Frage mit an ihren Stammtisch.
Im ›Bunten Vogel‹ saßen die beiden Alten still beim Ofen, als der Feldwebel hereinstürmte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie seine hastigen Fragen begriffen – das Erstaunen, den Schwiegersohn bei sich zu sehen, hatte sie ganz übermannt – aber dann brachen der Großmutter fast die Kniee vor Schrecken: der Wilhelm vom Meister fort, nicht in der Kaserne, davongelaufen?! Nein, hier war er nicht! Mit zitternden Händen hakte sie ihren altmodischen Spenzer zu und knüpfte die Haubenbänder fester, sie wollte durchaus hinaus auf die Straße, den Wilhelm suchen. Wo war er hin? Ein angstvolles Zittern überlief sie, wenn sie an ihren armen Jungen dachte.