»Jesus Maria, dat Jüngesken!« Bitterlich weinend umschlang sie ihren Alten und barg das Gesicht an seiner Schulter.
Unwirsch, verstört enteilte der Feldwebel, diese Thränen jagten ihn fort, sie waren lauter Anklagen, brennende Anklagen – war er nicht doch zu streng gegen den Wilhelm gewesen?!
Die hochgegiebelten Häuser der Ratingerstraße reckten sich wie drohend vor seinen Blicken, von ihren Dächern flutete das Mondlicht und schoß blinkende Pfeile nach ihm. Er war wie in’s Herz getroffen. Stöhnend faßte er sich nach der Brust – ha, das Rapportbuch, gerade hatte er’s gefaßt! Und horch, acht schlug’s von der Rathausuhr, höchste Zeit, es abzuliefern! Der Herr Adjutant wartete wohl schon!
Er biß sich auf die Lippen – war’s so weit mit ihm gekommen, daß er der Pflicht vergaß?! Seine Gestalt richtete sich energisch, seine erregten Züge glätteten sich. Rasch, aber doch mit gemessen soldatischem Schritt, marschierte er zu Kühling zurück.
Der Bataillonsadjutant war, wie immer, angenehm berührt von der famosen Haltung des Mannes und verwickelte ihn in ein längeres Verhör über Gesundheitszustand und Urlaubsbewilligungen der Mannschaft.
Von der nahen Kaserne tutete der Zapfenstreich, als Rinke wieder auf der Straße stand. Es gellte ihm durchdringend in die Ohren:
›Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund’,
Es schlägt die letzte Viertelstund’ –
Zu Bett – zu Bett – zu Bett!‹
Der Hornist schloß mit einem verunglückten Trötrö. Der Feldwebel war an diesen Mißton gewöhnt, aber heut zuckte er zusammen. Sonst pflegte er um diese Zeit auch stets in der Kaserne zu sein, aber heut, was sollte er im Bett?! Er konnte ja doch nicht schlafen. Der Junge, der Junge! Suchend, mit Unruhe glitt sein Blick umher. Und dann – was sollte er der Mutter sagen?!