Aber gelassener, als er gedacht, nahm sie es auf; nur daß sie aufstand und sich zum ausgehen anschickte. In den ›Bunten Vogel‹ wollte sie, da würde der Wilhelm schon sein.
Nein, nein, da war er ja nicht!
Aber sie blieb dabei: jetzt würde er schon da sein.
Frau Trina war ihrer Sache sicher; hatte sie nicht am gestrigen Nachmittag all ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet an die schmerzvolle Mutter niedergelegt und dann noch am Abend vor’m Einschlafen ihren Sohn den Schutzengeln empfohlen? Auch jetzt nahm sie sich noch die Zeit, bei der zur Frühmesse geöffneten Lambertuskirche vorzugehen und vor’m uralten Gnadenbild auf dem Pfarraltar den englischen Gruß zu flüstern.
Den Feldwebel litt es nicht zu Hause. Die qualvolle Ungewißheit ertrug er kaum mehr. Hatte die Käthe recht, war der Junge inzwischen bei den Großeltern angekommen? Und wenn er nun nicht da war, was dann?! Er fühlte, wie ihm das Blut vom Herzen wich.
Noch war kaum eine Stunde seit dem Fortgehen Frau Trinas verstrichen, so machte er sich auch auf. Über die morgendlich stillen Gassen eilte er, wie gestern durch die abendlich stillen. Hin zum ›Bunten Vogel‹, rasch, rasch! Und wenn der Junge nun nicht da war?! Verdammt, wie weit der Weg war!
Endlich klingelte er an, leise, fast zaghaft. Die Großmutter öffnete ihm. Ihre Haube war zerdrückt, ihr weißes Haar, noch nicht sauber geglättet, erschien weißer im Morgengrau. Ihr Gesicht so runzelig, so überwacht – und doch sah er auf den ersten Blick: der Junge war da! Gott sei Dank! Mit einem tiefen Aufatmen trat er ein.
Als wäre die alte Frau dem Schwiegersohn nie böse gewesen, so faßte sie jetzt seine Hand und leitete ihn zur Treppe, die dunkel und steil in’s Obergeschoß führte. Flüsternd berichtete sie: Mitternacht war’s gewesen, sie und ihr Peter hatten in aller Angst noch wach in der Wirtsstube gesessen, da hatte es leise an’s Fenster gepocht. Da hatte er draußen gestanden, furchtsam, totenblaß und ganz verfroren. Die Zähne hatten ihm geklappert; und verhungert war er gewesen, halb ohnmächtig vor Leere im Magen. Er hatte ja keinen Pfennig Geld gehabt, und zu jemand Bekanntem hatte er sich nicht hingetraut. Umhergeirrt war er, wie ein gescheuchtes Tier.
»De arme Jung’!« sagte die Großmutter mit einem gerührten Lächeln und wischte sich die Thränen aus den Augen. »Un dann hab’ ich hän in unser Bett jelegt, in sei’m kleine Kinderbettche kann de lange Mensch doch nit meh schlafen, un da« – ganz behutsam öffnete sie die Kammerthür – »da schläft hä noch!«
Den Atem anhaltend, trat der Feldwebel ein. Da war das alte Ehebett mit dem Kattunhimmel und der Muttergottes darüber; durch das ausgebaute Fensterchen schaute das fahle Morgenlicht und fiel gerade auf den Schläfer. Dieser hatte eine hohe Röte auf den Wangen und einen unruhigen, pfeifenden Atem. Seine eine Hand lag geballt an der Wange, die andre wurde von der Mutter gehalten.