Wie der wohl heute zu Mut sein mochte?
Ach so – so –, daß man die Zähne zusammenbeißen muß, um nicht laut zu schreien vor Wonne, an sich halten muß, um den Liebsten nicht in den Arm zu nehmen – Kuß links, Kuß rechts, und dann einen mitten auf den Mund, fest, fest, heiß, aus aller Kraft, daß es fast schmerzt. Ach, solch einen Kuß hatte sie noch nie empfangen!
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Als Frau Trina um halb sechs aus der Beichte kam, fand sie die Wohnung sonntäglich sauber und die Tochter ungeduldig ihrer wartend.
»Och, wat hetzt de dich dann wejen der Hochzeit so ab,« sagte sie, »dat Cilla hat sich ja auch nit meh um dich jekümmert!« Aber im Grunde wäre die Feldwebelin auch ganz gern noch einmal mitgegangen. –
Die Bolkerkirche war dicht umdrängt; auch wo die Leute nichts sehen konnten, standen sie. Allzuviele fanden ohnehin in dem engen Hofraum, in dem, versteckt, die Kirche zurücklag, nicht Platz. Die meisten hatten sich draußen vor dem Thor postiert – hier mußten die Kutschen halten. Ein langer Teppich war von da über die Steinfliesen des Durchgangs bis zur Kirchthür gelegt.
Es war Josefine geglückt, die Zuschauermauer zu durchbrechen, bis an die Kirchstufen hatte sie sich gedrängt; nun stand sie und harrte.
Eine gewisse Unruhe überkam sie, die Glocke schlug so unaufhörlich an. Sie hob die Augen – wie blau war der Himmel über dem alten Kirchdach! Und jetzt flirrte ein Schwarm Tauben auf mit sonnbeglänzten Flügeln; nur zwei blieben sitzen auf dem First der Küsterwohnung und gurrten und schnäbelten sich.
Der Küster stand im schwarzen Leibrock am Eingang.
Wie lang das dauerte! Ah, jetzt, draußen ein Rollen! Und jetzt kam das erste Paar vom Straßenthor her über den Läufer. Ein Herr im hohen Cylinder, mit Orden auf dem Frack; und die Dame, mit langgedrehten Schmachtlocken an den Schläfen, im ausgeschnittenen Seidenkleid, über die Spitzenberte einen pfirsichblütfarbenen Umhang mit Schwanen gelegt.