»Verdammt!« Der Feldwebel spuckte aus – nur nicht so einen Posten, so ein Schlenderleben! Ein Grausen kam ihn plötzlich an. Er stemmte die Beine unten gegen das Fußende des Bettes und reckte sich so in seiner ganzen sehnigen Länge. Er hatte noch Kräfte, noch Zeit, konnte noch lange im Dienst bleiben! Konnte noch lange des Königs Rock tragen – nein, niemand sollte ihm den herunterziehen! Hinter seinem Sarg sollte dermaleinst der Leutnant mit den dreißig Mann marschieren – vor’m Wagen her ein Kamerad seine Ehrenzeichen auf dem Kissen tragen – die Hoboisten sollten den Totenmarsch blasen, die Tambours gedämpft die Trommel schlagen, drei Salven über’s Grab dröhnen – – – Jesus, meine Zuversicht – – bis an’s Ende in des Königs Rock, in Ehren!

Glücklich lächelte er, der Gedanke war so schön. So wohl hatte er sich lange nicht gefühlt, sanft schlief er ein.

Währenddessen lauerten Mutter und Tochter vor’m ›Breidenbacher Hof‹ auf die Braut; sie hatten’s gehört, heut abend würde die noch abfahren auf die Hochzeitsreise. Sie hatten sich untergefaßt und trippelten ungeduldig hin und her. Verleugnen konnten sie einander nicht: das war derselbe weiche Gesichtsschnitt, dieselbe weißmollige Haut, dasselbe blondwellige Haar; nur daß die Mutter etwas aus der Façon geraten war.

Auch andre Neugierige hatten sich eingefunden: alte Weiber, junge Mädchen. Vor’m Hotelportal stand schon die Equipage, die das Hochzeitspaar zum Bahnhof bringen sollte. Es war ein dunkler, linder Abend, die Luft wie Sammet. Aus den Lindenbäumen der Alleestraße quoll ein zarter Duft auf nach jungem, sprossendem Grün; ab und zu sank leise ein Tropfen vom weichgrauen, von Sternen matt durchflinzelten Wolkenhimmel. Ein süßer Geruch verbreitete sich nach Primeln und Hyazinthen; eins der Mädchen hatte wohl ein Sträußchen vom Schatz bekommen und trug es an der Brust.

Das war so recht ein Abend zum flüstern, zum Wang’-an-Wange-lehnen, zum zärtlichen Ausschau-halten da droben nach dem blauen Stern der Liebe. Josefine war ganz still, aber ihr Herz pochte; sie lockerte sich das Tuch, das sie um die Brust geschlungen hatte, ihr war so voll, so heiß.

Oben im großen Saal hatte man die Fenster geöffnet, Gläserklirren und heitere Stimmen schallten heraus – jetzt wieder Musik – und jetzt kamen ein paar Gestalten die teppichbelegte Treppe herunter. Das waren sie!

Alles reckte die Hälse; aber dunkle Reisemäntel verhüllten den Staat, der Wagenschlag flog zu, die Pferde zogen an, fort waren die Neuvermählten. Nur ein Herr in Uniform, der das Paar geleitet, blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Hinter ihm strahlte die Ampel des Vestibüls und warf einen hellen Flimmer um seinen Kopf.

»Dat is de Bruder von der Braut,« sagte jemand hinter Josefine.

Was?! Der schöne, schlanke Offizier: Viktor?! Josefine lachte in sich hinein – wahrhaftig, das war der Viktor! Daß sie den nicht gleich erkannt hatte in dem ersten Brautführer heute vor der Kirche! Das war er ja, das war er ja! Wo hatte sie denn nur ihre Augen gehabt? Da stand er leibhaftig!

Erhitzt war er und vergnügt – jetzt trällerte er und drehte sich am Bärtchen – lieb sah er aus – auch ein bißchen hochmütig – riesig forsch! Ne, der Viktor!