Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete Wirtsstube war Leben gekommen.

»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene Schneider is de ja auch viel zu schad’!«

Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine allzu anstrengende Arbeit!

Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der Junge sollte den Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich wenigstens da bewährte!

Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen; der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu.

Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte!

Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer. Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für eine Weile das Recht auf Freibier erworben.

Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne, in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürger kopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es werden, das fanden sie auch!

Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit! Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – –

Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen Nächten.