Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf, von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter werden?!

Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein veranstaltete sonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus voller Kehle:

›Lebe, liebe, trinke, schwärme

Und bekränze dich mit mir.‹

Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des ›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs, einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. –

Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de kocht!«

Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen.

›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut. Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte. Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?

»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle übergoß sie’s.

Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.