Er war der Schrecken des Lehrers. Die ganze, sonst immer so musterhafte Quarta brachte der Junge aus Rand und Band, der eine Junge! Und dabei konnte man ihm eigentlich nicht einmal so recht von Herzen böse sein. In die Rügen des müden Mannes, der alle Tage dieselben Stunden, jahraus jahrein, auf demselben Katheder sitzen, dieselben Diktate diktieren, dieselben Aufgaben aufgeben, dieselben Lesestücke lesen lassen, dieselben Wiederholungen wiederholen mußte, mischte sich etwas wie eine leise Wehmut, die den Tadel milderte: ja, das war Daseinsfreudigkeit, Gesundheit, Frische, unverbrauchte Kraft – das war Jugend!
Wolfgang kehrte sich nicht an die Vorwürfe, die man ihm machte, er hatte nicht den Ehrgeiz, unter den Ersten der Klasse zu sein. Er lachte den Lehrer aus und konnte sich nicht einmal zwingen, betrübt den Kopf zu senken, als ihm die Mutter, in nervöser Erregtheit, eine schlechte Zensur vorm Gesicht hin und her schwenkte: »Also dafür quält man sich so mit dir?!«
Wie ehrgeizig die Frauen sind! Schlieben lächelte; er nahm’s ruhiger. Nun, er hatte ja auch nicht die Plage davon gehabt wie Käte. Sie hatte sich, seitdem der Junge so viel durch seine Krankheit versäumt hatte, jeden Tag mit ihm hingesetzt und geschrieben und gelesen und gerechnet und Vokabeln gelernt und Regeln und unermüdlich wiederholt und, neben den Schulaufgaben, selber noch Übungsaufgaben gestellt, und es so fertig gebracht, daß Wolfgang, trotz der wochen- und wochenlangen Schulversäumnis, doch Ostern mit nach Quarta versetzt wurde. Erleichtert hatte sie aufgeatmet: ah, ein Berg war erklommen! Aber der Weg ging trotzdem jetzt nicht eben fort. Als die ersten Amseln im Garten sangen, war er als fünfzehnter versetzt worden – also ein Durchschnittsschüler –, als die erste Nachtigall schlug, war er nicht mehr in diesem Durchschnitt, und als der Sommer kam, gehörte er zu den Letzten der Klasse.
Es war zu verlockend, im Garten zu säen, zu pflanzen, zu gießen, auf dem Rasen zu liegen und sich den warmen Sonnenflimmer über den Leib rinnen zu lassen; besser noch, draußen umherzuschwärmen an den Waldrändern, oder im See zu baden, weit hinauszuschwimmen, so weit, daß ihm die andern Jungen zuschrieen: ›Komm zurück, Schlieben, du versäufst!‹
»Freu dich doch, daß er so munter ist,« sagte Paul zu Käte. »Denke doch dran, wer hätte, vor einem halben Jahr noch, gedacht, daß er sich so erholen würde?! Es ist ein Glück, daß er kein Stubenhocker ist. ›Viel frische Luft‹ hat Hofmann gesagt, ›viel freie Bewegung. Ohne Schädigungen der Konstitution geht eine so schwere Krankheit nicht ab!‹ Also wählen wir von zwei Übeln doch das kleinere – freilich, der Bengel muß wissen, daß er nebenbei doch seine Schuldigkeit zu tun hat!«
Das ließ sich schwer vereinen. Käte fühlte sich machtlos werden. Wenn des Knaben Augen, blank wie dunkle Beeren, begehrten: ›laß mich hinaus‹, wagte sie ihn nicht zurückzuhalten. Sie wußte, er hatte seine Arbeiten noch nicht fertig, vielleicht noch nicht einmal begonnen; aber hatte Paul nicht gesagt: ›man muß von zwei Übeln das kleinere wählen‹, und der Sanitätsrat: ›ohne Schädigungen geht eine so schwere Krankheit nicht ab; viel Freiheit‹ –?!
Eine jähe Angst erfaßte sie um sein Leben; noch waren die Schrecken der Krankheit nicht verwunden. Ach, diese Nächte! Diese letzten furchtbaren Stunden, in denen nach dem heißen Bad das Fieber höher und höher gestiegen war, der Puls gerast und das arme Herz gejagt hatte, bis endlich, endlich das Eis aus dem See Kühlung gebracht und ein Schlaf sich gesenkt hatte, der, als im Osten der Himmel rot zu werden begann und ein neuer Tag durchs Fenster hereinschaute, sich in einen wohltätigen, wunderwirkenden Schweiß löste.
Sie mußte den eben Genesenen laufen lassen.
Aber daß er sich Cilla an den Arm hing, wenn die abends noch einen Gang zu machen hatte, daß er ihr schleunigst nachlief, wenn sie nur einen Brief zum Kasten trug, oder daß er ihr einen Stuhl heranschleppte, wenn sie sich mit ihrem Flickkorb unter den Fliederbusch an der Küchentür setzen wollte, das war nicht zu dulden. Als Käte erfuhr, daß Cilla an ihrem Ausgangssonntag nicht weiter gegangen war als bis zu den nächsten Kiefern am Waldrand und dort mit dem Knaben stundenlang im Grase gesessen hatte, gab es eine Szene.
Cilla weinte bittere Tränen. Was hatte sie denn getan?! Sie hatte Wölfchen doch nur von ›zu Hause‹ erzählt!