Sie nahmen einen Wagen, um nach Hause zu fahren, denn beiden Eltern widerstrebte es, sich mit so und so viel gleichgültigen, schwatzenden Menschen in der Bahn zu drängen; sie hatten das Verlangen, mit ihrem Sohne allein zu sein. Wolfgang war schweigsam; er saß der Mutter gegenüber, ließ seine Hand, die sie auf ihren Knieen hielt, wohl in ihrer Hand, aber seine Finger erwiderten nicht den zarten, warmen Druck. Er saß so still, als sei er gar nicht zugegen.
Wieder fuhren sie am Haus vorüber, in dem Lämkes Portiers waren; beim Rollen des Wagens auf der sonnentrocknen, harten Straße sprang Frida rasch ans Fenster, lächelte und nickte wieder. Aber von Mutter Lämke war jetzt nichts zu sehn, und Wolfgang vermißte das – nun, heute nachmittag, so wie er sich losmachen konnte, würde er zu Lämkes gehen!
In der Villa warteten schon Gäste. Ein großes äußeres Fest wollte man nicht aus der Konfirmation machen, aber den guten alten Sanitätsrat, dessen Frau, und die beiden Sozien hatte man doch einladen müssen. Alles ältere Leute; Wolfgang saß zwischen ihnen, ohne viel andres zu reden als ›Ja‹ und ›Nein‹, wenn er gefragt wurde. Aber er aß und trank tüchtig; das Essen war immer gut, aber Kaviar und Kibitzeier, wie heute, gab’s doch nicht alle Tage. Immer röter wurde sein Kopf und benommener; man hatte zuletzt in Sekt auf sein Wohl getrunken, und Braumüller, der älteste Sozius, ein sehr jovialer Mann, hatte sich einen Spaß daraus gemacht, dem Gefeierten immer wieder einzuschenken.
»Na, Wolfgang, wenn Sie erst ins Geschäft eintreten! Na denn, mein Junge, prost!«
Es war schon fast fünf Uhr, als man von Tische aufstand. Die Damen setzten sich in den Salon zum Kaffee, die Herren gingen ins Rauchzimmer. Wolfgang stahl sich fort, es zog ihn mächtig zu Lämkes. Erstens wollte er die goldene Uhr zeigen, und dann wollte er auch mal fragen, was für einen Spruch Frida eigentlich bei ihrer Einsegnung bekommen hatte, und dann, dann – was wohl Mutter Lämke zu ihm sagen würde?!
›Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir‹ – das war doch wirklich ein dummer Spruch! Und doch wollte der ihm nicht aus dem Kopfe. Wie er jetzt so langsam dahinschlenderte durch die weiche, silbrige, ahnungsvolle Frühlingsluft, grübelte er in einem fort darüber. Nein, so ganz dumm war der Spruch denn doch nicht! Nachdenklich zog er die Brauen zusammen, sah empor nach den unbewegten Wipfeln der Kiefern und dann umher – ›wir haben hier keine bleibende Stätte‹ – konnte das nicht auch bedeuten: hier ist deine Heimat nicht?! Aber wo – wo?!
Ein seltsamer Glanz kam in das dunkle Auge, ein Suchen war darin. Und dann wurde das weinrote, vom Festmahl erhitzte Gesicht blaß. Wenn es wahr wäre, was die beiden sagten?! Ach, und noch so manches andre kam ihm jetzt auf einmal in die Erinnerung: da war doch die Lisbeth gewesen, das garstige Frauenzimmer, das vor der Cilla bei ihnen gedient hatte – was hatte die Lisbeth doch immer alles geplappert, wenn sie schlechter Laune war?! ›Du hast ja gar nichts zu suchen hier‹ – ›Gnade und Barmherzigkeit‹ – allerhand so was, er brachte es jetzt nur nicht mehr recht zusammen. Schade! Damals war er eben noch zu jung und harmlos gewesen, aber jetzt – jetzt?!
»Verdammte Person!« Er ballte die Faust. Aber, ach, wenn er sie jetzt nur hier hätte! Kein Schimpfwort wollte er ihr sagen, nein, es ihr herauslocken, ganz sanft und schmeichelnd, denn wissen, wissen mußte er’s jetzt!
Ein heftiges Verlangen, eine brennende Neugier waren plötzlich in ihm erwacht, die ließen sich nun nicht mehr zurückdrängen. Etwas Wahres mußte doch daran sein, wie kämen sie sonst dazu, so zu sticheln? Und das Wahre mußte er wissen; er hatte jetzt ein Recht darauf! Seine Gestalt reckte sich. Eigenwille und Trotz gruben feste Linien um seinen Mund. Und wenn es noch so schrecklich war, wissen mußte er’s! Aber war es denn überhaupt schrecklich?! Der Zug um seine Lippen wurde milder. ›Wir haben hier keine bleibende Statt, unsre Heimat suchen wir‹ – wohlan, er würde sie suchen!
Rascher fing er an, auszuschreiten, seinen bummligen Schlendergang aufgebend. Was würde Mutter Lämke sagen?! Und wenn er sie nun fragen würde – sie meinte es ja so gut mit ihm –, wenn er sie fragen würde, wie einer gefragt wird, der schwören soll, wenn er sie fragte, ob – ja, was wollte er sie denn eigentlich fragen?!