Sein Herz klopfte. Ah, das dumme Herz! Das tat manchmal gerade so, als wäre es ein wilder Vogel, den man in ein enges Bauer eingesperrt hat!
Er war wieder ins Laufen gekommen; nun mußte er den Schritt verlangsamen. Und doch war er noch ganz außer Atem, als er die Wohnung der Lämkes betrat. Vater und Sohn waren ausgegangen; aber Mutter und Tochter saßen da, als hätten sie auf ihn gewartet.
Frida sprang auf, daß die Küchenkante, an der sie gehäkelt hatte, zu Boden flog, faßte ihn bei beiden Händen, und aus ihren blauen Augen strahlte die Bewunderung. »Nee, was biste fein, Wolfjang! Wie ’n Herr – riesig nobel!«
Er lächelte: das war mal nett von ihr!
Aber als Frau Lämke gerührt sagte: »Nee, Wolfjang, nu sage ik aber ›Sie‹ ßu Ihnen – nee, Sie sind ßu jroß! – aber ik habe Ihnen drum nich weniger jerne, weeß Jott, man is kaum ärjer uf de eijnen Jöhren« – da fühlte er eine Freude, wie er sie heute noch nicht gefühlt hatte. Sein Gesicht wurde weich in einer warmen Empfindung, und die arbeitsharte Hand, die die seine kräftig schüttelte, drückte er fest.
Dann setzte er sich zu ihnen, sie wollten erzählt haben. Er zeigte ihnen seine goldene Uhr und ließ sie repetieren; aber sonst erzählte er nicht viel, die Atmosphäre der Stube lullte ihn in ein dämmerndes Behagen, und er saß ganz still. Wieder roch es hier wie einst nach frischgebrühtem Kaffee, und der Myrtenstock am Fenster und die blasse Monatsrose mischten ihren schwächeren Duft ein. Er hatte ganz vergessen, daß er schon lange hier saß; plötzlich fiel es ihm ein mit einem jähen Schrecken: er hatte ja was zu fragen!
Mit forschenden Blicken sah er der Frau ins Gesicht. Sie sagte gerade: »Nee, wie sich deine – Ihre Mutter freuen wird, det se nu so ’n jroßen Sohn hat« – da fuhr es ihm heraus: »Bin ich denn ihr Sohn?« Und als Frau Lämke nicht antwortete, nur mit erschrockenen Augen ihn unsicher ansah, schrie er’s fast: »Bin ich denn ihr Sohn?«
Mutter und Tochter wechselten einen raschen Blick; Frau Lämke war ganz rot geworden und sehr verlegen. Mit beiden Händen hielt der Junge ihre Arme gepackt, und ganz dicht beugte er sich zur ihr hinüber. Da gab’s kein Ausweichen.
»Lügen Sie mir nichts vor,« sagte er hastig. »Ich kriege es ja doch heraus. Ich muß es herauskriegen. Ist es meine Mutter? Antwort! Und mein Vater – ist der auch mein wirklicher Vater nicht?«
»Jott in ’n Himmel, Wolfjang, wie kommen Sie ßu so was?« Mutter Lämke verbarg ihre Verlegenheit unter einem erzwungenen Lachen. »Das ’s ja allens Quatsch!«