»O nein!« Er blieb unentwegt ernsthaft. »Ich bin nun alt genug. Ich muß das wissen. Ich muß!«
Die Frau wand sich förmlich: nein, wie war ihr das unangenehm, mochte der Junge doch lieber wo anders fragen! »Die würden mir scheene uf ’n Kopp kommen, wenn ich da was quasselte,« suchte sie auszuweichen. »Fragen Sie doch bei Ihre Eltern selber an, die werden Ihnen schon Bescheid jeben. Ick wer mir hüten, mich mank so ’ne Anjelegenheiten ßu mengelieren!«
Frida machte den Mund auf, als ob sie etwas sagen wollte, aber ein warnender Blick hieß sie schweigen. Heftig fuhr die Mutter dazwischen: »Biste stille! Det fehlte jrade noch, det du de Hände einmanschtest! Was verstehn ieberhaupt so ’ne Jöhren von so was! Was Wolfjangen sein Vater is, der wird schonst wissen, woher er ’n hat. Und wenn die jnäd’ge Frau mit ßufrieden is, hat keen andrer en Wort drieber zu sagen!«
Wolfgang sah die Schwätzerin starr an. »Die Jungens sagen – die Lisbeth sagte – und nun sagen Sie – Sie auch« – er sprang auf – »ich geh und frage. Die!« Er wies mit dem Finger, als deute er irgendwohin in eine weite, ihm ganz fremde Ferne. »Jetzt muß ich’s wissen!«
»Aber Wolfjang – nee, um Jottes willen!« Ganz entsetzt drückte ihn Frau Lämke wieder auf den Stuhl nieder. »Lämke haut mir, wenn er’s ßu wissen kriegt, det ich da mank bin. Wir verlieren womöglich noch de Portjehstelle dadurch – un jetzt, wo de Kinder noch nischt verdienen! Ick habe doch nischt jesagt?! Was kann ick davor, wenn dich andre Leute ’nen Floh ins Ohr setzen! Ick kenne ja deine Mutter jar nich – und was dein Vater is, der wird ihr ooch schon längst nich mehr kennen! Laß man die janze Jeschichte jut sind, mein Junge!« Sie wollte ihn beruhigen, aber er hörte nicht darauf.
»Mein – mein Vater?!« stotterte er. »Also der ist doch mein richtiger Vater?«
Frau Lämke nickte.
»Aber meine – meine richtige M–!« Er brachte das Wort ›Mutter‹ nicht heraus. Die Hände hielt er sich vors Gesicht und zitterte am ganzen Leib. Die Sehnsucht hatte ihn plötzlich übermannt, diese starke, heftige Sehnsucht nach einer Mutter, die ihn geboren hatte. Er sagte kein Wort, aber er stieß Seufzer aus, die wie Stöhnen klangen.
Frau Lämke war zu Tode erschrocken; sie wollte sich herausreden und redete sich immer tiefer hinein: »Ach was, mein juter Junge, so was kommt in ’n Leben doch öfters vor – sehr anständig, daß er dir nich verleujnet hat, det tut noch lange nich jeder! Un was die jnäd’je Frau is, die dir anjenommen hat wie ’n eijnet Kind, so kann man lange suchen, bis man so eine wieder findet. Jroßartig – einfach jroßartig!« Frau Lämke hatte sich oft genug über die vornehme Dame geärgert, aber nun fühlte sie das Bedürfnis, ihr gerecht zu werden. »So ’ne Mutter kannste in Jold fassen – so was jibt’s ja jar nich mehr!« Sie erschöpfte sich in anerkennenden Lobpreisungen. »Un wer weiß auch, ob an’n Ende noch alles wahr is!« Damit schloß sie.
Es würde schon alles wahr sein! Wolfgang war ruhig geworden; wenigstens merkte man seinem Gesichte keine sonderliche Erregung mehr an, als er jetzt die Hände herabgleiten ließ. »Ich muß jetzt gehen,« sagte er.