Frida stand sehr bedrückt da; sie hatte das alles ja längst gewußt – wer wußte das nicht?! – aber daß er’s nun wußte, das tat ihr so leid. Ihre hellen Blicke trübten sich, voll Mitleid sah sie den Freund an: ach, wie war ihre eigene Einsegnung, vorige Ostern, doch so viel schöner gewesen! Sie hatte keine goldene Uhr bekommen, nur eine ganz kleine Brosche von unechtem Gold – eine Mark fünfzig hatte die gekostet, sie hatte sich die ja selber mit Muttern ausgesucht –, aber sie war so froh gewesen, so froh!
»Was für ’n Spruch haste denn jekriegt?« fragte sie rasch, um Wolfgang auf andre Gedanken zu bringen.
»Ich weiß ihn nicht auswendig,« sagte er ausweichend, und seine verblaßten Wangen wurden purpurrot. »Aber er stimmt!« Und damit ging er aus der Türe.
Geradeswegs ging er nach Hause – was sollte er noch Zeit versäumen, es eilte! Er sah nicht die Stare aus- und einfliegen aus ihren Nistkästchen an den hohen Stangenkiefern, sah nicht, daß schon eine helle Mondsichel schwebte am dunkler werdenden Abendhimmel und ein goldener Stern daneben stand, sah nur mit Genugtuung, als er in die Halle der Villa trat, daß Mäntel und Hüte von den Haken verschwunden waren. Das war gut, die Gäste waren fort! Er stürmte gegen die Salontür, fast fiel er ins Zimmer. Da saßen Vater und Mutter noch – nein, der Vater und sie, die – die –!
»Nun, sage mal, wo hast du denn so lange gesteckt?« fragte der Vater, nicht ohne Anflug von Ärgerlichkeit in der Stimme.
»Heute, gerade heute!« sagte die Mutter. »Sie lassen dich alle grüßen, sie haben noch auf dich gewartet. Aber nun ist es ja fast schon acht Uhr!«
Unwillkürlich sah Wolfgang nach der Pendüle auf dem Kaminsims – richtig, schon bald acht! Aber das war ja nun alles gleichgültig! Und den Blick starr geradeaus gerichtet, als sähe er unverrückt nach einem Ziel, stellte er sich vor den beiden auf.
»Ich muß euch was fragen,« sagte er. Und dann – ganz unvermittelt kam’s heraus, ganz brüsk –: »Wessen Kind bin ich?!«
Da war’s gesagt! Die junge Stimme hatte hart geklungen. Oder tönte sie nur so verletzend in Kätes Ohren? Sie hörte ein furchtbares Gellen wie von mißlautendem Trompetenstoß. O Gott, da war sie, die furchtbare Frage! Eine jähe Blutwelle legte ihr einen dichten Schleier mit flimmernden Punkten vor die Augen; sie konnte ihren Knaben nicht mehr sehen, sie hörte nur diese seine Frage. Hilflos, blindlings griff sie mit der Hand um sich – Gott sei Dank, da war ihr Mann, der war noch da! Und jetzt hörte sie auch ihn sprechen.
»Wie kommst du zu der Frage?« sagte Schlieben. »Unser Sohn – natürlich! Wessen Kind denn sonst?«